Die Outtakes (45): Mit 1 Tischtennis-Bedrohung, 1 Menge fauler Ausreden und 1 halbgaren Hilfsprojekt

Halbleere Gruselschule
Es geht grusliger. Finde ich. Camille Broutins Manga „Yon“ spielt in einem seltsamen Mädcheninternat mitten in einer Wüste, das regelmäßig von Monstern bedroht wird. Bei Monsteralarm muss man sich in Sicherheit bringen, aber diesmal gelingt es einer Gruppe von Mädchen nicht rechtzeitig. Das Setting ist gut, auch das seltsame Gebäude mit einem riesigen, leerstehenden Flügel – aber trotzdem zündet das Ganze nicht recht. Vielleicht, weil die Monster tischtennisballgroße weiße Kugeln sind, man nicht genau weiß, was sie machen, und weil die Geheimnisse arg langsam und arg methodisch aufgedeckt und abgearbeitet werden. Vielleicht liegt der Wurm auch im Setting, Taiyo Matsumotos „Gogo-Monster“ versuchte sich auch mit Monstern in einer teils leerstehenden Schule, und das überzeugte auch nicht recht. Oder ich bin schon total abgestumpft und kriege nicht mehr mit, wie schlimm Tischtennisbälle wirklich sind.
Bedingt erzählbereit

Sorry, aber das ist nicht gut. Nach „Al-Fazia“ ist jetzt mit „Gib nicht auf“ der dritte Titel von etwas draußen, was offenbar eine Reihe des kanadischen Projekts „Survivor-Centered Visual Narratives“ werden soll. Inhalt: Menschen, die üble Scheiße (üb)erlebt haben, bekommen einen namhaften Comicautor zur Seite, der ihr Schicksal zu Papier bringt. Anfangs klappte das noch gut, weil Barbara Yelin die Sache selbst in die Hand nahm. Teil drei von Birgit Weyhe über eine junge Jesidin offenbart hingegen ähnliche Schwächen wie Teil 2 von Tobi Dahmen. Als da wären: Der Comic-Teil endet nach 70 Seiten, danach erzählen 30 Seiten Making-of nochmal, was im Comic steht, bzw. das, was im Comic stehen könnte. Wenn man keinen Making-Of-Quatsch drangeklebt hätte, der erzählt, wie furchtbar schwer alles ist. Punkt zwei: Überlebende und Comic-Autor werden von den Projektverantwortlichen gepaart. Die Story entsteht also nicht, wenn ein Autor den passenden Protagonisten findet, sondern wenn die Projektleute meinen, der oder die wäre geeignet. Aber: Bei Dahmen und Weyhe sind die Interviewten nur in Teilen zum Erzählen bereit. Und weil die Stärken von Dahmen/Weyhe mehr in der Betroffenheit als im Journalismus liegen, holen sie nicht Verborgenes ans Licht, sondern füllen die Lücken lieber mit eigenem Seufzen. Das ist menschlich, nachvollziehbar, auch sympathisch, aber eines eben leider nicht: gut. Birgit Weyhe/Jilan, Gib nicht auf!, avant-verlag, 24 Euro
Ein Kessel Kurzes

Was für ein Start: Bianca Bagnarellis Kurzgeschichtenband „Kreaturen“ beginnt mit einer beklemmend-bizarren Story, in der ein Paar eigenwilligen Besuch bekommt. Ein junges Mädchen möchte aus Angst vor Wölfen heimgefahren werden. Könnten das nicht seine Eltern machen? Aber dann bringt das Mädchen derart viele fadenscheinige Ausreden, dass man förmlich spürt, dass da was faul ist. Nur was? Bagnarellis superklare Zeichnungen ergänzen diese haarsträubend verschwommene Episode so ideal, dass ich aus lauter Vorfreude nie mehr als zwei der 13 Geschichten pro Tag lese. Leider werden die hohen Erwartungen nur optisch immer erfüllt, inhaltlich sind einige Abschnitte statt rätselhaft nur schwerverständlich. Unterm Strich bleibt aber immer noch eine entdeckenswerte Wundertüte, die häufiger überzeugt als nicht. Bianca Bagnarelli, Myriam Alfano (Üs.), Kreaturen, Reprodukt, 25 Euro
Sie wollen Ihren Senf dazugeben? Dann hier:
Zwei Comics schildern Genozid und Gegenwart der Jesiden: Statt Betroffenheit nutzen sie harten Humor und erstaunlich viel Action

Interessiert mich die Sache mit den Jesiden? Mmmjaa, schon irgendwie, muss ja auch, weiß garnicht, worum‘s da genau geht, sollte mich auch erst vorher einlesen – nein, muss ich nicht: Zwei sehr gute Comics helfen aus, spannend, berührend, empörend und auch komisch. Wenn man sie gelesen hat, wird die Welt nicht unbedingt schöner: Aber man weiß mehr. Doch ich gebe zu: Der entscheidende Auslöser für mich waren nicht die Jesiden. Sondern der Name Zerocalcare.
Tölpeliger Reporter-Nerd
Dahinter steckt der italienische Cartoonist Michele Rech, der sich auf eine Art von autobiografischem Cartoon-Journalismus spezialisiert hat. Darin zeigt er sich selbstironisch als neurotischen Nerd, der schlecht informiert in Brennpunkte stolpert und dort eine Menge naiver Fragen stellt – genau die Fragen, die sich die Leser häufig nicht (mehr) zu fragen trauen. In „Kobane Calling“ etwa dröselte er auf diese Art die Situation der Kurden in Nordsyrien auf. Jetzt, in „No Sleep Til Shingal“, widmet er sich den Jesiden im Irak.

Jesiden? War da nicht alles irgendwie gut? Die waren doch 2014 vom Islamischen Staat (IS) massakriert worden, aber dann wurden die meisten doch noch irgendwie gerettet, oder? Und dann – keine Ahnung, war wohl nicht mehr so interessant … Genau hier holt Zerocalcare seine Leser ab und fragt sich durch ihre und seine Wissenslücken. Die überlebenden Jesiden sind tatsächlich wieder etwa da, wo sie vorher waren, werden dort aber inzwischen von der Türkei bombardiert und vom Irak bedroht.
Im Kriechgang durchs Checkpoint-Chaos
Warum? Weil 2014, als der IS gerade seinen Völkermord durchführte, die Rettung von PKK-nahen Kurdenmilizen aus Syrien kam. Was die Jesiden so beeindruckte, dass sie daraufhin beschlossen, sich zu bewaffnenund so ähnlich zu organisieren. Diese Organisation beleuchtete Zerocalcare in „Kobane Calling“ als erstaunlich demokratisch, erstaunlich frauengleichberechtigt, entschlossen prokurdisch. Alle drei Elemente sind für Erdogans Türkei inakzeptabel: Sie geht davon aus, die Jesiden in Shingal wären durch ihre Systemkopie eben zu einer anderen Art Kurden geworden. Feuer frei!

All das erfährt man, wenn man Zerocalcare in das irakische Zuständigkeits-Chaos folgt. Durch zahllose Checkpoints, an denen fragwürdige Karrieristen der jeweiligen Gruppierungen ihre plötzliche Macht ausspielen und die jungen Männer mit ihren Maschinenpistolen sich nur durch ihre Frisuren unterscheiden: Schiitische Milizen wirken etwa wie martialische Gotcha-Spieler, irakische Soldaten haben die Frisur alter Boygroups.
Kurden sind nicht Kurden
Doch so unkonventionell Zerocalcares Vergleiche und Analogien sind, so überzeugend wirkt sein Humor: blitzschnell und direkt, immer wieder mit komischen Übertreibungen. Rasch wird klar: das Anliegen der Jesiden ist berechtigt, nur die Rolle der Kurden bleibt unklar. Wenn die Jesiden von syrischen Kurden gerettet wurden, warum kooperieren sie dann nicht mit den Kurden nebenan im Nordirak?

Um das zu verstehen, empfiehlt sich der Comic „Shingal“ von Mikkel Sommer und Tore Rorbaek, die das Thema zu einem aus Zeugenaussagen gefertigten Actionthriller verarbeiten. Es sind die irakischen Kurden, die 2014 die wehrlosen Jesiden ohne jede Vorwarnung im Stich lassen: Nicht in Panik, sondern koordiniert, über Nacht, sie verwehren sogar den Jesiden die Fluchtstraßen, um Platz für die Militärkonvois zu haben. Warum? Die irakischen Kurden können heute gut mit der Türkei, beide verbindet das Ziel, dem Irak den Norden abzuspalten. Der Gedanke liegt nahe: Der IS sollte damals die Dreckarbeit übernehmen und die von lästigen Jesiden bewohnte Gegend erst mal leervölkermorden.
Betäubende Bombardements
Für politische Comics ungewöhnlich ist, wie actionreich „Shingal“ die Geschichte konsumierbar macht: Die verzweifelte Flucht in die Berge. Die Feuergefechte in der Nacht. Der Kampf um Wasser. Die Mörserbombardements des IS. Das (genauso wie bei Zerocalcare) beeindruckende Auftauchen der Kurdenmilizen aus Syrien, gerade auch der bewaffneten Fraueneinheiten, ausgerechnet hier in dieser Weltgegend voll Schleierregeln, weiblicher Zweitklassigkeit und Sexsklavinnentum – all das ist mit schlichten, aber wirkungsvollen Zeichnungen geschickt inszeniert. Voll Sympathie für die Sache, aber eng an den Fakten (begleitend gibt’s auch noch ein einordnendes, politikwissenschaftliches Nachwort). Was gerade im Zusammenspiel ein ungewohnt unterhaltsames und zugleich informatives Lesespektakel ergibt.

