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Comicverfuehrer

Frech, frisch und unverschämt sympathisch: Özge Samancis Deutschland-Debüt „In den trüben Gewässern Istanbuls“

Illustration: Özge Samanci - Helvetiq
Illustration: Özge Samanci - Helvetiq

Ein Comic, der sofort sympathisch ist. Und das, obwohl die Autorin kaum Comic-Erfahrung hat, schon gar nicht auf der längeren Graphic Novel-Strecke: Özge Samanci heißt sie und ist gebürtige Türkin. Anfängerin also, könnte man meinen, aber ihr Comic „In den trüben Gewässern Istanbuls“ hat nichts Anfängerhaftes, abgesehen von einer geradezu bezaubernd-enthusiastischen Leichtigkeit. Die auch deshalb überrascht, weil Samanci kein schweres Thema auslässt.

Leichtigkeit trotz schwerer Themen


Ein Porträt der Türkei in den 90ern steckt drin. Die Schwierigkeiten von Frauen im männerdominierten Land auch. Dazu Armut, Korruption, Politik und – weil’s ja noch nicht reicht – Tauchen. Aber Samanci ist, obwohl Comic-Neuling, im Kunstgeschäft sehr wohl erfahren. Vor etwa 20 Jahren siedelte sie von Izmir in die USA über, dort ist die Anfang-Fünfzigerin inzwischen Dozentin der Northwestern University und weiß, wie man Aufmerksamkeit weckt.


Illustration: Özge Samanci - Helvetiq
Illustration: Özge Samanci - Helvetiq

Etwa mit ungewöhnlichen Landkarten im Vorsatz: ein Mittelmeer aus blauem Klebeband in einer sandfarbenen Küste. Das ist hübsch, funktioniert und zeigt sofort: Hier arbeitet jemand attraktiv, unkonventionell. Oder mit ein bisschen Ekel: Die Geschichte beginnt in einem Wohnheim für Studentinnen in Istanbul. Chaotisch, schmuddlig, aber aufgeweckt und frech. Wie sich Samancis Alter Ego Ece vom oberen Stockbett zur ihrer Freundin Meltem hinunterhängen lässt, gibt sofort den Ton an: Anstrengend, aber funny. Und vor allem: Jenseits der polierten Sehgewohnheiten einer „Mordkommission Istanbul“.

Sieben Frauen und ein „Wischmopp“


Illustration: Özge Samanci - Helvetiq
Illustration: Özge Samanci - Helvetiq

Acht Frauen auf engstem Raum, jede hört jedes Geräusch, kein Wunder, dass Ece, die von Männern meist als „Wischmopp“ etikettiert wird, und die stewardessenhübsche Meltem gern dorthin fliehen, wo man mit Sicherheit seine Ruhe hat: In den Duschraum, der immer leer ist, weil’s fast nie Wasser gibt. Und mitten in diese leicht schimmlige Unbehaglichkeit pflanzt Samanci dann ihr Sympathierezept: Ece und Meltem jammern nicht, sie finden Lösungen.


Die Thrillerzutat


Wie beim Tauchen. Als Frauen ist das für sie kaum möglich, jedenfalls nicht allein. Meltems Freund muss immer dabei sein und sowas wie den weisen Lehrer geben, damit die Männer drumherum nicht protestieren. Und beim Tauchen (Samancis eigenes Hobby) platziert sie auch die Thrillerzutat: Über den Mädchen versinkt plötzlich ein Auto im Meer, in dem eine junge Frau sitzt.


Illustration: Özge Samanci - Helvetiq
Illustration: Özge Samanci - Helvetiq

Samanci inszeniert das so simpel wie brillant, mit den strahlenden Scheinwerfern unter Wasser, den verzweifelten Versuchen der Studentinnen, den Wagen zu öffnen und zum Schluss der Bergung des Opfers, natürlich zu spät. Und ebenso natürlich versuchen die beiden NICHT, den Fall zu lösen, sondern sie werden hineingezogen: Weil einer der Hauptverdächtigen plötzlich zwei Taucherinnen braucht, die schweigen können.


Zeichnerische Defizite geschickt repariert


Mehr brauch ich nicht zu sagen, wenn Sie bis hierhin gekommen sind, lesen Sie sowieso weiter. Ich mache aber gern auf diese aufgezeichnete Lesung aufmerksam. Denn Samanci kommt eher von der Installationskunst. Ihr zeichnerisches Können genügte ihr für Cartoons, aber in einer Graphic Novel will sie mehr. Wie sie ihre Defizite ausbügelt (Hände, Räume), Hintergründe sammelt, Szenen erst spielt und fotografiert, dann abzeichnet, das ist ausgesprochen lustig zu sehen und ermutigt alle, die ebenfalls mit ihrem Zeichenniveau hadern.


Illustration: Özge Samanci - Helvetiq
Illustration: Özge Samanci - Helvetiq



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Die Outtakes (34): Mit 1 attraktiven, aber schiefen Vergleich, 1 rassigen Zweitaufguss und 1 unentschlossenen Paradies

Illustration: Roberto Grossi - avant-verlag
Illustration: Roberto Grossi - avant-verlag

Fliegen an der Windschutzscheibe


Erwarte ich zuviel von Roberto Grossi? Der will in „Die große Verdrängung“ die großen Krisen der Gegenwart auf den Punkt bringen. Weil ihm die Menschheit vorkommt wie ein Schwimmer, auf den ein Hai zurast – und während ihn alle von der Jacht aus warnen, schaut er lieber zu den Luxus-Hochhäusern am Strand. Und es sieht lange gut aus, weil Grossi wirklich überraschende Bilder findet – das Cover ist nur eines davon. Aber dann zeigen sich Mängel. Dass er etwa einen Großteil der Fehler beim Kapitalismus verortet – obwohl sich andere Wirtschaftsformen auch nicht umweltfreundlicher gezeigt haben. Bis auf: Armut (die sich übrigens auch keiner der Armen freiwillig ausgesucht hat). Dann dämmert einem auch langsam, dass das Hai-Bild nur klappt, wenn man den Klimawandel akzeptiert: Den Hai kann man nicht bestreiten, weil er sofort beißt. Das Klima aber beißt weit weniger deutlich. Am stärksten ist der Band daher, wenn er so argumentiert, dass man rational nicht widersprechen kann. Etwa mit der schönen Beobachtung von Windschutzscheiben. Wer in den 80ern im Auto nach Italien rauschte, sah spätestens ab der Po-Ebene vor toten Insekten kaum noch die Straße. Und heute? Aber wer heute um die 20 ist, kann natürlich behaupten, so viele Insekten hätte es nie gegeben.



Haustiere in der Nazigeschichte

Illustration: Isabelle Maroger - Helvetiq
Illustration: Isabelle Maroger - Helvetiq

Das war’s irgendwie nicht. Dabei hat „Lebenborn“ ein spannendes Thema: die Zuchtprogramme der Nazis. Nicht nur war Hitler der Ansicht, man könne rassisch verbesserungsfähige Gegenden „aufnorden“, indem man ein paar Einheiten notgeiler junger Soldaten, vorzugsweise SS, hinschickt. Sondern man kümmerte sich auch um die auftretenden unehelichen Kinder. „Lebensborn“-Heime sorgten für eine unkomplizierte Geburt. Eines dieser Kinder ist die Mutter von „Lebensborn“-Autorin Isabelle Maroger (welche den Stoff selbst schon als Buch verarbeitet hat). Jetzt wagt die Tochter die Zweitverwertung, wobei sie den brisanten Stoff allerdings häufig entschärft. Etwa durch den niedlichen Stil, bei dem an allen Ecken süße Haustiere durchs Bild springen. Oder durch die Betonung der Familienfindung (die sich jedoch von der herkömmlicher Adoptivkinder wenig unterscheidet). Vor allem aber, weil sie die politische Brisanz kaum erfasst. Denn letztlich haben die Nazis hier exakt das gemacht, was ihre Nachfolger heute der Politik vorwerfen: Bevölkerungsaustausch. Was die ideale Brücke zum Heute gewesen wäre: Dass man nämlich auf so eine absurde Idee vermutlich überhaupt nur dann kommt, wenn man sie selbst insgeheim prima findet.



Schlange im Eintopf

Illustration: Ville Ranta - Reprodukt
Illustration: Ville Ranta - Reprodukt

Auch schon wieder 13 Jahre her: Ville Ranta, der Finne, der kürzlich so pointiert wie selbstironisch den französischen Proficomic-Betrieb schilderte, hat 2012 den schmalen Band „Paradies“ herausgegeben. Eine freche Adam-und-Eva-Erzählung, bei der weder Adam noch Eva noch Gott oder Schlange gut wegkommen. Das sieht flott aus, ziemlich joann-sfar-geschult, ist skurril und auch unverschämt, aber eben dadurch auch nicht so ganz schlüssig. Natürlich können alle Beteiligten einen an der Klatsche haben, aber seltsamerweise zündet der Einfalts-Eintopf dann nicht so recht. Wohl, weil man zur Identifikation jemand Halbnormales braucht, um an den Deppen verzweifeln zu können.









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In Zeiten von Krisen und Rezension ist Schenken erste Bürgerpflicht: Sieben kleine Geschenktipps von kostbar bis kostenlos

Illustration: Tom Haugomat - Helvetiq
Illustration: Tom Haugomat - Helvetiq

Weihnachten, die letzte Insel der Seligen. Kinder duften nach Bratäpfeln, Zuckerwatte ersetzt flächendeckend den Schnee und in der allgemeinen Besinnlichkeit entdecken vereinzelte Amerikaner, was sie da eigentlich gewählt haben. Alles könnte so schön und friedlich sein, aber vor das Fest haben die Götter die Geschenke gesetzt. Woher nehmen und nicht stehlen? Aber gottseidank lesen Sie ja das richtige Blog zur richtigen Zeit.


Für Leute mit Tisch

Tja, damit kann man natürlich praktisch nichts falsch machen: Man geht zum Taschen-Verlag und erwirbt einen gefühlten Zentner Premium-Comics, beispielsweise den zweiten Sammelband der Marvel-Avengers-Abenteuer. Schön verschubert und verpackt in Originalgröße. Vorsicht: Originalgröße bedeutet hier die Größe der Originalzeichnungen, also die doppelte Heftgröße. Das ist nicht nur deshalb wichtig, weil man die Hefte in diesem Umfang früher niemals unter der Bettdecke hätte lesen können. Sondern weil Sie heute berücksichtigen sollten, dass sowas auch fürs Sofa nicht so handlich ist: Beschenkte sollten für ermüdungsfreies Lesen wenigstens einen soliden Tisch in der Wohnung haben, eine hauseigene Bibliothek nebst Ohrenbackensessel wäre optimal. Bei Gefallen sind dann auch weitere Geschenk-Ideen für die nächsten Jahrzehnte gesichert, Sie müssen nur daran denken, die unteren Stockwerke ggf. baulich abzusichern. Aber wenn das alles bedacht ist: Mehr Marvel geht einfach nicht.

 

Für Lebende

Illustration: Tom Haugomat - Helvetiq
Illustration: Tom Haugomat - Helvetiq

Ein weiterer Teil der inoffiziellen Serie: Ist es überhaupt ein Comic? Tom Haugomat liefert mit „Ein ganzes Leben“ eine chronologische Erzählung in Jahresschritten. Rodney wird geboren und altert, und für jedes Jahr gibt es ein Bild Rodneys mit Ortsangabe sowie gegenüber etwas, das Rodney sieht. Was nicht nur eher wortlos klingt, sondern es auch ist. Aber es guckt sich sehr gut an: Fast schon meditativ blättert man durch die elegant designten Jahre, stets nur aus türkis/hellrot/ockergelb/weiß/schwarz zusammengesetzt. Das Konzept erinnert leicht an „Hundert“ von Valerio Vidali/Heike Faller: doch die schubsen noch mit kurzen Sätzen die Nachdenklichkeit an, während Haugomat die gesamte Kopfarbeit den Lesern freistellt. Funfact 1: beide Bände kommen aus der Schweiz. Funfact 2: „Ein ganzes Leben“ ist offenbar noch von einer echten Übersetzerin übersetzt, obwohl da wirklich nicht viel zu übersetzen war. Zu wünschen wäre es, aber vielleicht ist Philippa Smith auch irgendein Bot…

 


Für Tretende

Illustration: Max Julian Otto
Illustration: Max Julian Otto

Man möchte dringend, dass Max Julian Ottos „Es geht auch ohne Ehrgeiz“ funktioniert: Da ist so vieles sympathisch. Die Geschichte um den mittelalten Sohn eines verstorbenen Radprofis, der selbst das Radeln hasst, aber ein Café für Radfahrer eröffnet und in der Corona-Krise ins Zweifeln kommt. Die guten Beobachtungen, die professionellen, aber nicht zu anbiedernden Zeichnungen. Ottos Mut, den 200-Seiten-Comic einfach im Selbstverlag zu publizieren, in tadelloser Buchhandelsqualität, das fehlt sich nichts. Dazu fahr ich selber gern Fahrrad. Aber weil viele Einzelmomente noch keine gute Story ergeben, kommt die Geschichte selbst über nett leider nicht hinaus. Wobei: Der Radlersohn, der wieder zum Rad findet, das ist sehr, sehr gutes Wohlfühlmaterial, geeignet für Sat 1, ARD, ZDF, Familienfernsehen. Nicht mehr, aber auch nicht weniger.



Für politisch Denkende

Illustration: Manu Larcenet/Cormac McCarthy - Reprodukt
Illustration: Manu Larcenet/Cormac McCarthy - Reprodukt

Die Zukunft sieht düster aus. Die USA fallen als Demokratie weg, gehen außenpolitisch zur Schutzgelderpressung über, die anderen Staaten finden Einigkeit zu anstrengend und kochen nach und nach ebenfalls nationale Süppchen, die logischerweise immer dünner werden. Und jeder, der festzustellen wagt, dass es früher irgendwie besser war, wird als innenpolitischer Feind verfolgt. Nein, das gibt es nicht als Comic, das ist die reale Zukunft. Es gibt aber einen Comic, der im Vergleich dazu tröstlich wirkt: „Die Straße“ von Manu Larcenet nach dem Roman von Cormac McCarthy. Das Tröstliche: Diese Zukunft ist derart entsetzlich, dass sie Trump, Putin und Sahra Weidel zusammen nicht hinkriegen. Jedenfalls nicht in den nächsten zehn Jahren. Oder fünf.

 


Für Versöhnungsbedürftige 

Illustration: Bernd Pfarr - Kibitz Verlag
Illustration: Bernd Pfarr - Kibitz Verlag

Wo treffen sich Gutmensch und Impfgegner? Genau, im Reformhaus. Und für dessen Monatszeitung „Reformhauskurier“ hat der große, leider schon tote Cartoonist Bernd Pfarr von 1988 bis 2004 den Comic-Strip „Alex der Rabe“ gezeichnet - der jetzt erstmals gesammelt erscheint. Alex ist eine Art Parallel-Donald Duck samt einer Daisy (Nicki), einem Gustav Gans (Dietrich), Düsentrieb (Professor Alonso). Band 1 ist jetzt erschienen und zeigt eine interessante Mischform: Einerseits sind die Episoden alle kindgerecht, mit eher schlichter One-Pager-Pointe wie im Micky-Maus-Heft. Aber bei mindestens fünf Episoden habe ich extrem gekichert, nicht zuletzt bei der mit dem Titel-Gag. Zusätzlich geschenkgerecht ist die Aufmachung des Buchs und natürlich die munter angeschrägte Pfarr-Optik. Und politisch wird’s – überhaupt nicht. Was wäre an Weihnachten willkommener?

 


Für lau

Illustration: Alexander Braun - Panini Verlag
Illustration: Alexander Braun - Panini Verlag

Okay, das geht nicht für jeden, aber für viele in NRW und je nach Reiselaune auch darüber hinaus. Und es kostet: nix, wenn Sie ein Deutschlandticket haben, vielleicht sogar zweimal nix. Das Geschenk geht so: Am zweiten Weihnachtsfeiertag nehme man die Beschenkten an der Hand, steige in einen Zug und fahre nach Dortmund. Am Hauptbahnhof raus, ca. 73,4 Meter über den Königswall schlurfen und hinein in den Schauraum comic + cartoon mit der neuen Ausstellung „Black Comics“: Alles rundum Bestseller wie „Black Panther“ oder Eigenwilliges wie „Aya aus Youpogon“. Mit etwas Glück hat Ausstellungsmacher Alexander Braun für Sie sogar den lesenswerten Katalog noch passend zum Mitnehmen fertiggedruckt, zum günstigeren Ausstellungspreis. Vielleicht noch zwei Kaffeebecher einpacken, für den Glühwein daheim, einen Happen essen, dazu ein bis zwei Pilse einwirken lassen und sich der Bahn für die Heimfahrt anvertrauen. Kann man eigentlich alle Jahre wieder machen...



Ach so, ich hab ja sieben Tipps versprochen: Im Notfall schenken Sie einfach einer Comicfanin/einem Comicfan Ihrer Wahl ein Abo dieses Blogs... Kostet ebenfalls nix, ist schnell gemacht und auch noch Sekunden vor der Bescherung verfügbar.



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