- 23. Juli
Die Outtakes (41): Mit 1 erfrierungsfreien Antarktis-Urlaub, 1 vorgetäuschten Schwangerschaft und 1 Abflug ohne Starterlaubnis

Oberflächennah tiefgeschürft
Mit Emmanuel Lepage ist es immer so eine Sache, und daran, dass „Mit dem Wind tanzen“ zu den Outtakes kommt, kann man ahnen, dass er wieder zuviel von dem gemacht hat, was nicht seine Stärke ist. Lepage, der einen Narren an der antarktischen Welt gefressen hat, ist grandios im Erfassen und Wiedergeben von Landschaften, von Meer und den zugehörigen Viechern. Diesmal begleitet er ein Kamerateam auf das von ihm geliebte, sehr spannend-abgeschiedene Kerguelen-Archipel. Und jedes Mal, wenn er Gegend, Mensch, Tier und Technik inszeniert, begeistert er zuverlässig. Felsen, Schiff und Vögel, Pinguinkolonien, Raketenreste an menschenleeren Felsstränden, da macht es dann auch nichts aus, wenn er anfängt, dazu eher oberflächennah tiefzuschürfen. Doch wenn er sich mit den Menschen befasst, lässt er sie labern und porträtiert sich wund. Klar: Dieser Südpol-Zirkel, den muss man schon pflegen, damit man nächstes Mal wieder dabei sein darf. Aber das so unterzubringen, dass auch der Leser was davon hat, dazu fehlen Lepage erzählerische und journalistische Mittel. Die Gegend und Stimmung bringt er einem jedoch nahe wie kein zweiter: Mindestens der halbe Band entführt grandios und erfrierungsfrei an die kälteste Region der Welt, und dafür sehe ich ihm vieles nach.
Die Leichenfleddererin

Fungirl ist zurück, sogar im Dickformat: „Fungirl Forever“ enthält 320 Seiten mit der wandelnden Katastrophenkreation von Elizabeth Pich. Doch obwohl launig tote Tiere und menschliche Leichen gefleddert werden, hebt der Band für mich nur in ein, zwei Momenten richtig ab: Etwa als wir Fungirls Drecks-Auto kennenlernen oder in der sehr schön schlecht vorgetäuschten Schwangerschaft. Was daran liegt, dass ich die Stärke von „Fungirl“ nie im Verursachen von Slapstick-Chaos sah, sondern im Alltag: Denn im Chaos sind alle gleich hilflos, aber im Alltag bringt Fungirls Perspektiv- und Rücksichtslosigkeit nur die normalen Menschen an ihre Grenzen – nämlich uns Leser. Ist aber, wie gesagt, nur meine Interpretation. Wer sich hingegen über die lustvoll-abgedrehten Tabubrüche freut, wird hier – gar keine Frage! – erstklassig beliefert. Übrigens: Der erste Band erscheint jetzt in der dritten Auflage: Das ist ja dann fast schon einer der deutschen „heimlichen Bestseller“! International hingegen kriegen Pich und „Fungirl“ bereits Ausstellungen.
Der die Fliege macht

Schnell, flott, aber auch ein bisschen dünn: Madita Schwenkes „Drifting“ hat alles, was man braucht – spart aber an einem entscheidenden Punkt. Die Studentin Annie zieht in eine Wohngemeinschaft: Blitzschnell skizziert Schwenke das WG-Gefühl, baut drei Charaktere mit ihren Eigenheiten auf, das konsumiert sich wunderbar weg. Dank leichter Manga-Optik, mit Blau aufgefrischter Schwarz-Weiß-Panels und des rätselhaften vierten Mitbewohners: Nie da, schneit nur immer kurz durchs Fenster – er kann nämlich fliegen. Da könnte man vieles machen, ich hab angesichts der Leichtigkeit auf was Gruseliges oder Verstörendes gehofft. Aber Schwenke nimmt das ständige (Weg-)Fliegen nur als Parabel für Konfliktunfähigkeit, für allerlei Ausweichstrategien. Wie man eben auch in Videowelten flieht, oder in Social Media, Drogen. Und dann…? Reden wir darüber, und alles ist halbwegs gelöst. Das geht zu einfach, ist zu durchschaubar und vor allem schade: Weil deutlich mehr drin gewesen wäre. Vielleicht ja beim nächsten Mal: Denn wiedersehen möchte ich Schwenkes leichten Stil auf jeden Fall.
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- 18. Dez. 2025
Die Outtakes (35): Mit 1 chaotischen Superheldin, 1 Korrektheits-Check und 1 Rilke-Fachfrau, die Rilke nicht erkennt

Zu strukturiert fürs Planlose?
Wie schön: ein Lebenszeichen von Elizabeth Pichs „Fungirl“: Die Spaßschleuder mit Saarbrückener Wurzeln kehrt mit zwei „Abenteuern“ zurück, einerseits in alter Frische, aber auch im erneuerten Gewand. Nach wie vor wird viel masturbiert, lustvoll gefaulenzt und geferkelt, andererseits sind die Episoden rund und abgeschlossen. Ich bin aber nicht sicher, ob die Struktur Fungirl guttut: Gerade das planlose Weitererzählen erhöhte ja den Reiz und die schöne Fassungslosigkeit darüber, wie ein Mensch und/oder gerade eine Frau mit spießigen Träumen (Erfolg, Familie, Respekt) zugleich derart ins Leben hineingammeln, -vögeln und -underperformen kann. Wenn aber Fungirl superheldinnenhaft gegen Sexmaschinen kämpft, hat plötzlich alles eine Form: Erst zeigt man Alltag, dann taucht das Problem auf, Fungirl möst das Problem mit der Löse. Aber ist denn nicht für jemanden wie Fungirl die normale Welt das eigentliche Abenteuer ? Vielleicht hab ich aber auch grad nur wieder einen Anfall von Besserwisserei. Zudem sind die Abenteuer aus dem englischsprachigen Backkatalog, das aktuelle Fungirl erlebt womöglich schon wieder ganz andere Sachen.
Rilkes Reisbreidiät

Okay, Rilke. Bin ich kein Fan von, aber muss ich auch nicht. Für Rilke-Comics gilt wie für jede andere Künstlerbiografie: Die Fans bedienen ist einfach, aber Laien den Künstler zu vermitteln ist der eigentliche Hauptgewinn. Und dabei darf man sich auf die Kunst verlassen oder auf das Leben, beides ist okay. Was also macht Melanie Garanin? Sie schickt die fiktive Journalistin eines Online-Magazins auf Rilke-Recherche nach Worpswede. Die Frau hadert mit ihrem Alter und ist auch sonst recht nörgelig plus in einer Beziehung mit einem blöden Volker. Unterwegs arbeitet sie für uns Rilke auf, exakt chronologisch, franziskabeckeresk illustriert, immer mit eingeflochtenen Rilke-Zitaten, das ist dann der erträgliche Teil. Dabei lernt sie einen charmanten Typen kennen, der – wie sie trotz ihrer Recherche erst auf Seite 93 merkt – genauso aussieht wie Rilke und auch Rilke ist. Fantasie? Wunsch? Realität? Egal, weil ab da unser Rilke sich in einem frauverfassten Mansplaining lang und breit selbst erläutert, was ihn beinahe so interessant macht wie eine Reisbreidiät. Die schlichte Erklärung dahinter: Garanin ist selber Fangirl. Das ist dann natürlich schön für sie.
Betreutes Ghostwriten

Nicht so überzeugend: Im Max-und-Moritz-preisgekrönten Band „Rude Girl“ (2022) startet Birgit Weyhe bei einem Seminar, in dem man ihr kulturelle Aneignung vorwirft. Weyhe ist gekränkt: Sie ist weiß, wuchs aber in Afrika auf. Muss man schwarz sein, um von dort berichten zu dürfen? Also reagiert sie mit einem Projekt: Sie schildert die Jugend der US-Professorin Priscilla Layne. Die hat jamaikanische Wurzeln, ist aber den Weißen zu schwarz, den Schwarzen zu hell. Eigentlich Sprengstoff, weil: Rassismus sogar von seiten sonstiger Opfer kommt. Aber Weyhe erzählt (aus Rücksicht? aus Vorsicht?) alles abschnittsweise, und nach jedem Abschnitt darf die Professorin die Schilderung beurteilen oder richtigstellen. Das ist behutsam gedacht, hat aber vor allem Nachteile. Nicht nur, weil Weyhe sich damit zur betreuten Ghostwriterin degradiert. Sondern auch, weil vor lauter Transparenz der Fokus vor allem darauf liegt, ob Weyhe alles richtig macht. So verschenkt „Rude Girl“ viel Antirassismus-Potential und verzettelt sich in Befindlichkeiten.
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- 17. März 2024
Hemmungsloser Slapstick, Gags ohne Rücksicht auf Geschmack und Geschlecht: „Fungirl“ ist das mutigste deutsche Spaß-Projekt seit fast 30 Jahren

Was für eine Rarität: respektloser, sogar rücksichtsloser Humor. Ich bin selber noch ganz baff, was ich da in Elizabeth Pichs Band „Fungirl“ finde. Weil ich sowas in vergleichbarer Qualität seit laaaaaaaanger Zeit nicht mehr gelesen habe. Schon gar nicht aus Deutschland. Oder ist da der Wunsch Vater des Lobs?
Sexbesessene Titelheldin
„Fungirl“ ist in jedem Fall schon mal hemmungslos. Titelheldin ist eine kaum bis nicht beschäftigte junge Frau, die gerne lang ausgeht, noch länger schläft und sich vorwiegend für Sex interessiert, entweder mit anderen oder allein. Sie lebt mit ihrer ehemaligen Partnerin (noch?) in einer WG und benimmt sich dort so, wie man es gemeinhin jungen, rücksichtslosen Männern unterstellt. Typische Szene: Sie vergisst die Pizza im Ofen, löst einen Küchenbrand aus und entschuldigt sich bei Feuerwehr und Mitbewohnerin mit „Sorry, ich war am Masturbieren!“ Heftig? Aber noch kein Brüller? Stimmt beides.

Radikalhumor hat seine Tücken, wie bei „Grizzlyshark“. Soll superlustig sein, haut aber nur besinnungslos drauf. Guter Radikalhumor braucht also mehr, einen Mechanismus, der das Draufhauen clever ergänzt oder konterkariert. Und deshalb bricht Elizabeth Pich die Küchenszene auch nicht ab, sondern dreht sie weiter: Fungirl versucht mit einem noch blöderen Spruch den Feuerwehrmann auf ihre Seite zu ziehen und – scheitert. Genau an diesem Punkt wird aus Fungirl mehr als eine Radauschleuder.
Serienglotzen im Sarg
Denn Fungirl will gemocht werden. Sie hat konservative Träume, will einen Job und das entsprechende Gehalt, sie ahnt, dass sie Vieles nicht besonders geschickt löst. Aber jeder Ansatz zur Änderung des Lebens scheitert an ihrer Trägheit, am unüberwindlichen Drang, sich alle Rosinen rauszupicken und alles Unangenehme zu ignorieren. Einem Drang, den man selber zu gut kennt. Fungirl löst den Konflikt, indem sie etwa einen Job bei einem Bestatter annimmt, die Arbeitstage im Sarg liegend und serienglotzend verbringt, dann aber die Ruhetruhe bei Kunden als Nobelteil „mit Snacks und DVDs“ anpreist. Selbstverständlich erfolglos.

Fungirls Abenteuer sind definitiv nichts für Leute, die’s gern schön haben. Dafür füllt Elizabeth Pich jedoch eine Lücke, für die sich seit Klaus Cornfield Mitte der 90er in Deutschland kaum jemand zuständig fühlte: das gleichermaßen geschickte wie geschmacklose Zuschlagen, komplett rücksichtslos auch sich selbst gegenüber. Denn natürlich riskiert Elizabeth Pich, dass man nicht nur die Heldin für blöd, widerlich, kindisch hält, sondern die Autorin gleich mit. Auch wenn sie sich einige Rettungsnetze gespannt hat.
Derb, aber nie schmuddelig
Anders als bei Cornfield ist Pichs Kunst sauber durchstilisiert. Bunt, kräftige Farben, reduzierte Strichfiguren, die bisweilen an die Olympia-Piktogramme '72 erinnern. Fungirls Abenteuer sind vorm Schmuddel geschützt, weil sie nie als billiges Drecksheft unter irgendeinem Ladentisch lagen. Und Pich konstruiert zwischen den Episoden hübsche Hommagen an Ikonen der Trickfilm- und Comic-Kunst, Fungirl darf etwa wie Bart Simpson durch die Stadt skaten oder auf dem Dach von Snoopys Hundehütte liegen.

Tja, und nun? Sollte ich lobend oder gar ermutigend hervorheben, dass Pich eine Frau ist? Weil ich beobachtet zu haben meine, dass sich gerade Frauen oft schwerer damit tun, rücksichtslos und brachial zu sein? Oder sollte ich eher lobend oder gar ermutigend hervorheben, dass Pich eine gebürtige Deutsche aus Saarbrücken ist? Weil ich beobachtet zu haben meine, dass sich Deutsche oft schwerer damit tun, in Humordingen rücksichtslos und brachial zu sein? Für letzteres hätte ich immerhin eine Art Beleg.
Brachialhumor als Re-Import
Denn „Fungirl“ erschien zuerst in den USA. Der jetzt veröffentlichte Band wurde dementsprechend auch aus dem Englischen übersetzt. Und auf Deutsch veröffentlicht wurde er nicht in Deutschland, sondern bei Edition Moderne in der Schweiz. Vielleicht ist das alles aber auch viel unwichtiger als: Lesen und Lachen.
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