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Comicverfuehrer

  • 14. Dez. 2025

Schlimmer Titel, reißerisch aufgemacht: „Auf den Hund gekommen“ wirkt wie eine Comic-Katastrophe – und entpuppt sich als Krimi-Perle

Illustration: Pierre Lemaitre/Dominique Monféry - Splitter Verlag
Illustration: Pierre Lemaitre/Dominique Monféry - Splitter Verlag

Das Cover lässt Übles fürchten: Niedlicher Hund schaut mitleiderregend, dazu eine Automatikpistole und Blutspritzer. Was immer man sich da zusammenreimt, gut wird's nicht. Billige Angstmache um den armen Hund? Und wenn nicht, ist es Comedy? Killer mit Hund, sowas in der Art? Aber das klingt dann so plakativ-platt, mangamäßig, Schwertkämpfer mit Goldfisch, Halunke mit Hamster. Und dann noch der Spaßtitel: „Auf den Hund gekommen“! Hilfe!

Doch: weit gefehlt.


Einmal nach Schema F, zweimal dagegen

Illustration: P. Lemaitre/D. Monféry - Splitter Verlag
Illustration: P. Lemaitre/D. Monféry - Splitter Verlag

Los geht es ins Schema passend: mit einem Mord. Der Täter ist eine Dame um die 60, die im Renault R 5 auf ihr Opfer wartet. Sie hat ihren Hund dabei, arbeitet eiskalt, blitzschnell und mit einer Schalldämpferpistole – sie macht sie sowas scheint's öfter, vielleicht sogar beruflich. Ungewöhnlich ist, dass sie nicht nur das Opfer tötet, sondern auch dessen Dackel. Das kommt in diesem Genre nicht so oft vor. Und dann wird es gleich zweifach interessant.


Außer Kontrolle


Der ermittelnde, selbst nicht mehr junge Kommissar besucht seinen Vater, der offenbar in die Senilität abgleitet, und dessen Pflegerin. Hatten wir noch nicht so oft. Und wir erfahren: die Hundekillerin war auf eigene Faust tätig, sie ist also Teil einer Organisation – und irgendwie außer Kontrolle. Besonders schön: Wir erfahren all das mit wenig Geschwafel. Denn weil Bild und Text so gut ineinander greifen, klingen die Protagonisten nicht wie Fernsehkommissare, sondern können und dürfen reden wie normale Menschen.


Kill your darlings gründlich


Ab da zieht Lemaitre die Schrauben richtig gut an. Ich will auf keinen Fall zuviel verraten, aber es wird a) brutal und b) hat Lemaitre überhaupt kein Problem, Leute zu opfern, die man als Leser eigentlich für unverzichtbar hält. Was c) bedeutet, dass die Handlung (wenigstens für mich) richtig, richtig überraschend ist.

Illustration: Pierre Lemaitre/Dominique Monféry - Splitter Verlag
Illustration: Pierre Lemaitre/Dominique Monféry - Splitter Verlag

Dazu kommt überdurchschnittliches Artwork von Dominique Monféry: Keine gefällige Standardware, sondern etwas ruppiger, grober. Kombiniert mit sehr filmischen Einstellungen, Close-Ups, Draufsicht von der Zimmerdecke, Zoom aufs Detail, eine Prise Witz, nur eine ganz kleine, weil das hier eben nicht noch zur xten ach so schwarzen Komödie abgleiten soll. Szenarist Lemaitre hat sich ja auch nicht den blödsinnigen Titel ausgedacht: das Original heißt „Le serpent majuscule“, deutsch ganz grob „die große Schlange“, Hundeanteil null. Aber was soll's, Titel, Schmitel: Das hier ist eine echte, rundum gelungene Überraschung, ein richtiges Krimi-Juwel.

Illustration: Pierre Lemaitre/Dominique Monféry - Splitter Verlag
Illustration: Pierre Lemaitre/Dominique Monféry - Splitter Verlag



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Französische Ernte (III): Viele Comics gibt's nicht auf deutsch. Aber wer fremde Sprachen kann, findet „L'Odyssée d'Hakim“ auf spanisch, türkisch, englisch

Illustration: Fabien Toulmé - graphic mundi
Illustration: Fabien Toulmé - graphic mundi

Was hat ein Comicfreund vom Frankreichurlaub, wenn er die Sprache nicht parfait genug peut? Wie (hust) immer noch ich? Beispiel 3: Er spaziert in einen Comicshop. Das muss nicht in Paris sein, dazu genügt La Rochelle (80.000 Einwohner). Dort notiert er alles, was interessant aussieht, und sucht später im Netz, was es davon in einer Sprache gibt, die er kann. Für manche kann das Spanisch sein oder Italienisch, bei mir ist’s Englisch. Was mich zu „Hakim’s Odyssey“ bringt.


Geräuberte Optik


Ein in mehrfacher Hinsicht interessantes Produkt, gerade auch marketingtechnisch. Fabien Toulmé bedient sich geradezu hemmungslos bei den gut verkäuflichen Kollegen Guy Delisle und Riad Sattouf. Und das nicht nur optisch: mit der Reportage ist er inhaltlich ganz bei Delisle, mit dem Thema „Syrien“ ganz bei Sattouf. Deshalb fiel er mir auch auf: Weil alles gellend „Abklatsch“ signalisierte. Der Band ist aber trotzdem eigenständig – und gut. Weil er eine Lücke füllt.

Illustration: Fabien Toulmé - graphic mundi
Illustration: Fabien Toulmé - graphic mundi

Nüchtern und fast humorfrei schildert Toulmé das Schicksal des Flüchtlings Hakim Kabdi. Der 2015 bei Aleppo seine eigene Gärtnerei hat. Bereits jetzt, noch vor Ausbruch des syrischen Bürgerkriegs, begreift man eine Menge. Über das Leben in Staaten, die eine Partei beherrscht. Man muss bestechen, Traumjobs aufgeben, weil man nicht zur Staatsclique gehört. Man wird geschuriegelt, und wer einen Posten hat, ist Gott und kann einen jederzeit zur Kasse bitten. Und all das, wohlgemerkt, ist noch die beste Version. Wenn's im Land leidlich läuft.


Leben im Einparteien-Staat


Sie führte aber dazu, dass eine Menge Syrer fanden, es müsste besser werden. Als sie dies friedlich formulierten, begann für die Assad-Diktatur Phase 2: Wenn der Laden nicht mehr läuft. Dann folgen Todesschüsse, Verhaftungen, Folter. Das trifft, wie in Phase 1 erprobt, alle. Wer protestiert, angeschossenen Demonstranten hilft, aber auch wer Geld hat oder Verwandte mit Geld. Kommt Ihnen bekannt vor? Klar, Sie haben’s gerade erst hier von der Franco-Diktatur gelesen.

Es. Ist.

Immer. So.

In der DDR von gestern, der Türkei von heute, den USA von morgen, im Sachsen-Anhalt von übermorgen.

Illustration: Fabien Toulmé - graphic mundi
Illustration: Fabien Toulmé - graphic mundi

Es hilft Hakim nicht, dass er nie ein Protestplakat getragen hat. Er wird erst grundlos verhaftet, dann grundlos gefoltert, dann grundlos entlassen, ab da ist er dauerverdächtig. Als sein Bruder spurlos „verschwindet“, die Armee ihm die Gärtnerei wegnimmt, sein Haus wegbombt, muss er fliehen, um für die inzwischen verarmte Familie Geld zu verdienen. Er versucht es erst in der Nähe, in Beirut, Jordanien, dann in der Türkei. Und er arbeitet wie der Teufel.


Die ungeregelte Region


Er putzt, backt Brot, schleppt Zementsäcke, alles für Hungerlöhne, alles schwarz, weil in diesen Ländern niemand Syrer offiziell einstellt. Immer mehr Schwarzarbeit führt zu sinkenden Löhnen, wütenden Einheimischen, Restriktionen. Spätestens hier ist klar, wohin Hakims Weg führt, führen muss: In einen Staat mit geregeltem Arbeitsmarkt, Gesetzen und funktionierender Wirtschaft, kurz – in eine westliche Demokratie. In diesem Fall Frankreich, wo er dann Fabien Toulmé treffen wird. Am Ende von Band 1 zieht Hakim nach dem Scheitern in Antalya nach Istanbul.

Illustration: Fabien Toulmé - graphic mundi
Illustration: Fabien Toulmé - graphic mundi

Wie nebenbei erfährt man auch, wie Hakim lernt. Er wird ständig betrogen, benutzt, belauscht und – vorsichtig, misstrauisch. Er ist dennoch extrem flexibel, wach, leidens- und anpassungsfähig, geduldig, eigentlich ein idealer Angestellter.

Warum der Dreiteiler in Deutschland bisher noch nicht erschien? Schwer zu sagen, auch Spanien und die eher unvorteilhaft geschilderte Türkei haben zugegriffen. Und die Engländer? Die kennen immerhin den Spruch „When life gives you lemons, make lemonade.“ Es ist nicht auszuschließen, dass den auch Staaten beherzigen sollten, wenn ihnen das Leben Flüchtlinge beschert.

 

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Französische Ernte (II): Wie ein großes Comicangebot übersehenen Perlen zur zweiten Chance verhilft  etwa der bittersüßen Zauberwelt des Cyril Pedrosa

Illustration: Cyril Pedrosa - Reprodukt
Illustration: Cyril Pedrosa - Reprodukt

Was hat ein Comicfreund vom Frankreichurlaub, wenn er die Sprache nicht complètement connait? Wie (hust) immer noch ich? Beispiel 2: Er flipperkugelt in der Pariser Rue Saint Jacques von einem Comicshop in den nächsten. Die nicht nur bestimmte Themen abgrasen, sondern überhaupt von allen Autoren auch noch die komplette Backlist bereithalten. Weshalb man sich fragt: Warum hab ich nicht mehr von Cyril Pedrosa gelesen? Der sieht doch geradezu unverschämt gut aus!


Null Action, sanfter Witz

Pedrosas „Jäger und Sammler“ ist eine Herzenssache. Als der Titel 2016 auf deutsch erschien, hab ich ihn ignoriert, weil er „irgendwie anstrengend“ aussah. Und dem Leser so wenig entgegenkommt: Er erzählt von verschiedenen Menschen, man weiß nicht, was sie miteinander zu tun haben, es gibt null Action, nur sanften Witz. Was den Comic vorm Weglegen rettete, waren die Figuren und die Bilder.

Illustration: Cyril Pedrosa - Reprodukt
Illustration: Cyril Pedrosa - Reprodukt

Wie Pedrosa Menschen beobachtet und sich bewegen lässt, macht große Freude. Die Körperhaltung beim Rauchen, Streiten, In-der-Handtasche-kramen, da ist es völlig egal, worüber sie gerade reden, weil das Gespräch durch die Zeichnungen so viel Leben gewinnt. Obendrein inszeniert Pedrosa Szenen und Dialoge so vielseitig und ideenreich, dass man völlig vergisst, wie unscheinbar die Gesprächsthemen sind.


Die richtige Pose im richtigen Moment


Er wechselt nicht nur die Perspektive, die Panelgröße, er wechselt das Licht, die Farben, den Fokus. Er reduziert etwa in berührenden Momenten die Schärfe, bis nur noch die Gesichter klar sind. Er entfernt die Konturen, tönt Doppelseiten in blaugrau oder auch in pink, Pedrosa öffnet ein regelrechtes Füllhorn der Optionen, dessen Output er aber auch passend dosiert. Als er beispielsweise zwei Doppelseiten Ex-Ehestreit an Weihnachten abfeuert, verzichtet er auf jeden Zusatz, weil ja der Zoff die Szene trägt. Ich brauchte bis zu diesem Streit, um endlich Zugang zu finden.

Illustration: Cyril Pedrosa - Reprodukt
Illustration: Cyril Pedrosa - Reprodukt

Denn alle Charaktere sind gleichwertig, und weil sie wenig miteinander zu tun haben, sitzt man anfangs da wie vor einem Haufen Puzzleteile. Man muss sich über die Ecken und Ränder reintasten. Und ich vermute: Je älter man ist, desto lohnender wird’s. Pedrosas Charaktere sind fast alle 40 aufwärts, sie rätseln über das Leben und seine Endlichkeit, ohne dafür alleingültige Wahrheiten liefern zu können.


Muss. Mehr. Pedrosa. Lesen.


Mit 20 hätte ich vermutlich gegähnt. Aber ich bin nicht mehr 20. Vielleicht sollten aber auch nur eine Menge Comics dem Leser einfach im richtigen Alter begegnen. Oder im richtigen Moment. Oder in Paris. Muss. Mehr. Pedrosa. Lesen.

Illustration: Cyril Pedrosa - Reprodukt
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