- 28. Apr. 2023
Härtetest für Kindercomics (Finale): Die Zutatenliste von „Animal Jack“ hat alles, was Kinder mögen. Aber schmeckt Julia (11) auch das fertige Gericht?

Puuuh. Bei „Animal Jack“ sträubt sich mir sofort alles, und da weiß ich noch nicht mal, dass Zeichnerin Isabelle Mandrou alias Miss Prickly schon die schreckliche „Adele“ mitentwickelt hat. Es liegt an der Sparkassencomic-Optik. An den berechnend verbratenen Kinderelementen. Aber: Der Comic soll ja dem Wurm schmecken, nicht dem Fisch oder so…
„Politiker sind alle korrupt“?
Worum geht's? Jack ist ein Bub, der sich alle Nase lang in ein Tier verwandelt. Etwa wie Fred Clever, Jack scheint es aber nicht immer steuern zu können. Sprechen kann er jedenfalls nicht, weshalb immer irgendwer seine Verwandlung beschwafeln muss. Und falls keiner da ist, hat Jack ein Glühwürmchen dabei, das seinen belehrenden Senf dazugibt. Das nervt, aber so richtig ärgert mich etwas anderes.
Auch Jack muss einen Wald retten. Doch die Bedrohung sind hier nicht die Wünsche der Eltern, der Gesellschaft, sondern korrupte Politiker und Bosse. Weshalb der Comic einfach einem Waldbewohner unwidersprochen in den Mund legt, „die Politiker sind alle korrupt“ und Wahlen würden nichts ändern. Schon klar: Je weniger Demokratie, desto gesünder der Wald. Ich bin so sauer, dass es schwer wird, nichts zu sagen, als ich Julia den Comic gebe. Aber ich halte den Mund.
Posterqualität statt Storytelling
Julia auch, aber nicht wegen der Politik. Jack scheint irgendwie so gar keinen Eindruck zu hinterlassen. Es ist zwar alles drin, was sie mag (Tiere, Magie), aber ein Zuckerwürfel und ein Löffel Fett sind halt nur rein rechnerisch dasselbe wie ein Keks. Weshalb Julia auch die Höhepunkte eher aussucht wie im Poster-Shop, weniger aus der Handlung heraus.
Die niedlichste Stelle: Jack schmust mit Tieren
Die beste (weil lustigste Stelle): Jack kommt als Hund heim und schlabbert seinen Vater ab
Julias Entscheidung

Das Ranking bestätigt den Eindruck: Julia fängt von unten an, weil's effektiver ist. „Adele“ wird überholt, aber dann schwindet der Schwung. Die Top-5 sind außer Reichweite, „Jack“ muss sich mit „Trip mit Tropf“ und „Willkommen in Oddleigh“ auseinandersetzen...
1. Idefix und die Unbeugsamen
2. Alldine & die Weltraumpiraten
3. Das unsichtbare Raumschiff
4. Zack!
5. Witches of Brooklyn
6. Hugo & Hassan forever
7. Boris, Babette und lauter Skelette
8. Hände weg von unserem Wald!
9. Trip mit Tropf
10. Willkommen in Oddleigh
11. Animal Jack
12. Karl der Kleine: Printenherz
13. Superglitzer
14. Die schreckliche Adele
P.S.
Ein kleiner Nachtrag: Tanja Eschs „Boris, Babette und lauter Skelette“ hat zur Frankfurter Buchmesse 2023 den Preis den Deutschen Jugendliteraturpreis abgeräumt. Kann man trotz Platz 7 bei Julia absolut vertreten.
Das war's: auf Wiederlesen in der nächsten Staffel!
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- 24. Apr. 2023
5 Mangas in 5 Minuten (II): Ein Volltreffer und zweimal erotischer Kundenservice – im zweiten Fernost-Set überzeugt ein 50-jähriger Klassiker am meisten
Man kann über Mangas sagen was man will, aber sie sind erstaunlich vielfältig, zielen oft präzise auf die Schlüsselreize der Kundschaft und dröseln diese Reize gerade bei Erotik ähnlich fein auf wie die Pornobranche. Man muss das Ergebnis nicht mögen, aber: fad ist es nicht – auf zum nächsten Mangaquintett.

Per Händedruck durch die Zeit
Zeitsprünge hatten wir ja schon in der letzten Stunde: „look back“. Die „Tokyo Revengers“ arbeiten ähnlich. Der Loser Takemichi erfährt, dass seine Ex und ihr Bruder bei einem Bandenkrieg starben. Am selben Tag wird er vor eine U-Bahn gestoßen und ist plötzlich zwölf Jahre in der Vergangenheit, in der er den Bruder warnt. Der wird daraufhin in der Vergangenheit Polizist, um mit Takemichi den Bandenkrieg zu verhindern und so seine Schwester zu retten. Die Technik dazu: Takemichi springt jedesmal, wenn er den Bruder berührt, zwölf Jahre vor oder zurück. Warum? Darum!
Nerviger als diese Erklärung ist, wie unentschlossen die Geschichte zwischen Jugendbanden-Ding, Zeitreise und Beziehung herumeiert. Das Ergebnis ist eine Art „Zurück in die Zukunft“, aber nicht spielfilmlang, sondern ausgewalzt auf 16 Bände. Und: sehr, sehr witzlos.
Rohrloser Klempner

Cleveres Fastfood der sexuellen Orientierung: Die Schülerin Satomi verliebt sich in den coolen Kanda und hat den idealen Vorwand, ihn anzusprechen: Es fehlen Jungs für das Crossdress-Café am Unifest, bei dem sich (wie so üblich) Männer als Frauen und Frauen als Männer verkleiden. Kanda erklärt sich bereit, aber nur wenn – Satomi eine Nacht in einem Spukschloss verbringt? Nein, sondern: seine Freundin wird. Denkt er natürlich: Macht die nie. Macht sie aber doch! Fortan hat er sie an der Backe und will sie wieder loswerden. Denn: Kanda ist gar kein Junge, sondern ein Mädchen! Wieso das bisher keiner gemerkt hat (Sportunterricht?) – egal: die lesbische Zusatzverwirrung ist durchaus originell. Der Rest ist Profihandwerk: Gags und Story werden überdeutlich vorgekaut, dazwischen gibt’s den Fan-Modus, bei dem man als Bonus etwa die Handtaschen der beiden im „Fashion-Check“ vergleicht. Das Ergebnis ist gut gefertigte Romantik-Dienstleistung oder sexlose Pornografie: der Klempner verlegt halt kein großes Rohr, sondern hält Händchen und macht sich tiefe Gedanken darüber.
Deftiges ab 16

Okay, auch hier: handwerkliche Hochachtung für einen solide gemachten Halbporno. Was das ist? Man sieht viel, aber auch viel nicht, es gibt mehr Atmosphäre als Vollzug. Ryuta Amazumes Thema ist „Leder, SM und Scham“, und sie stielt die Story branchenüblich rücksichtslos ein: Kaoru stellt sich seine beste Freundin Nana in Leder vor, Mutti findet sein Lederzeugs, nimmt es ihm weg und gibt es wem zum Aufbewahren? Klar, Nana, wem sonst? Die es daraufhin, Überraschung: prompt neugierig anzieht, und so wird seine Fantasie wahr usw. So weit, so blöd.
Aber wie Amazume die Szenen ausspielt, ist schon wieder gut gemacht: es wird viel gedacht und gezweifelt, viel soll-ich/soll-ich-nicht, was-denkt-der-andere, viel Scham, endlose Überwindung – und das muss man auch erst mal richtig ausspielen können. Im Zentrum steht eindeutig Nanas Perspektive, es wird nach und nach gefesselt und gepinkelt und fotografiert, und all das so, dass man's doch immer noch „ab 16“ anbieten kann. Man staunt.
He-Man auf der Heizung

Au, au. „Fist of The North Star“ ist definitiv in der „Jojo“-Kategorie. Tumbe Dialoge und eine Art „Mad Max“-Welt, durch die der Held Kenshiro schreitet und sich Runde um Runde abkämpft. Ständig hält irgendwer irgendwem einen Vortrag über seinen Kampfstil und welcher besser ist und schnarch. An allen Ecken und Enden verrutscht die Perspektive, außer einer: Den schmollmundigen Heldenkopf sieht man vorzugsweise von unten rechts. Die Proportionen orientieren sich häufig an He-Man-Figuren, die man auf der Heizung vergessen hat. Es heißt, der Comic sei ultrabrutal, aber selbst die blutigste Prügelei ist nicht so schmerzhaft wie diese erstaunliche Kombination aus Storytelling, Artwork und Presswurst.
Kinderkram

Dieses Duo kann ich eindeutig empfehlen: In „Lone Wolf & Cub“ schiebt der Ex-Samurai und Jetzt-Auftragsmörder Ogami Itto seinen Dreijährigen in einem Kinderwagen durch die Gegend. Kazuo Koike und Goseki Kojima nutzen in diesem über 50 Jahre alten Klassiker die Konstellation nicht für billige Witze, sondern geschickt als zusätzliche Herausforderung: Für Ogami im Kampf – und für die Erzählung, denn Ogami findet umgekehrt auch immer wieder Lösungen, für die der Kleine hilfreich ist. All das wird in handlichen Episoden erzählt, die nicht nur spannend sein können, sondern auch tragisch, mit Zeichnungen, die explosiv sind, ideen- und abwechslungsreich, rasant und geduldig, je nach Situation. Und gerade durch die vielfältigen Episoden ahnt man: Hier ist eines der Vorbilder von Stan Sakais „Usagi Yojimbo“.
... wird natürlich fortgesetzt
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- 18. Apr. 2023
Härtetest für Kindercomics (12): „Idefix und die Unbeugsamen“ nenne ich berechnend zusammenkopiert – aber Julia (11) sieht das gaaanz anders

Albert Uderzo lebt wieder, und er heißt Jean Bastide: Im ersten Band des Kindercomics „Idefix und die Unbeugsamen“ zeichnet er eine der drei Episoden so originalgetreu, dass man sich fragt, wieso man die Hauptserie zehn Jahre lang von Didier Conrad vollmalen ließ. Aber das war's schon mit den positiven Überraschungen – für mich.
Grautvornix als Justin Biermann
„Idefix“ ist ein reines Industrieprodukt, Risiko und Nebenwirkung einer TV-Serie. Die Episoden sind aus Asterix-Bestandteilen so zurechtgeschraubt, dass sich der niedliche Hund verwursten lässt. Nur optisch, wohlgemerkt: Denn während Idefix classic bei Asterix eine Kommentarfunktion hat, übernimmt er hier Detektivaufgaben und Verfolgungsjagden, Idefix goes Paw Patrol. Was ihn leider recht austauschbar macht.
Das wird auch nicht besser, wenn man sinnfrei das Personal klassischer Alben einbaut. Amnesix ist wieder geheilt, Grautvornix ist jetzt ein Mix aus Wolf Biermann und Justin Timberlake – eine Funktion jenseits der Wiedererkennung für kaufende Eltern haben beide nicht. Die Römerhunde sind als beliebig überwindbare Gegenspieler so lieblos zusammengeklebt wie der Rest des Settings: Idefix und seine Freunde wohnen nun in Lutetia. Warum? Egal. Dort lebt jetzt auch Majestix mit seiner Frau. Aber nicht in seinem Haus, das mitten in Lutetia leer steht und von den Hunden bewohnt wird. Als Dreingabe werden ganze Szenen wie der Stierkampf aus „Asterix in Spanien“ 1:1 kopiert. Haben die keine Angst, dass Julia den Band kennt?
Süß, süß, süß
Tatsächlich wundert Julia sich auch über das leere Haus. Doch damit endet unsere Gemeinsamkeit, aber sowas von! Und da reden wir noch nicht mal von den unterschiedlichen Zeichnerqualitäten. Der Umzug nach Lutetia ist völlig egal, wer Idefix füttert, auch. Majestix macht hier wohl Urlaub, das stört keinen großen Geist. Idefix ist süß, seine Freunde wie Turbine oder Dertutnix ebenfalls. Süß sind übrigens auch die Römerhunde. Einen leichten Tadel erntet allenfalls Sardine, die faucht nämlich immer nur.
Die beste (weil lustigste Stelle): Wie der Uhu Weissnix die wirren Zaubertränke zusammenrührt (Himmel, das Kind kennt doch den „Kampf der Häuptlinge“!)
Die niedlichste Stelle: Die Römerkatze trinkt (Seite 29)
Julias Entscheidung

Also gut: Diesmal hat „Die schreckliche Adele“ nichts zu befürchten, der letzte Platz bleibt ihr vorerst. Aber als auch „Hugo und Hassan“, sogar „Zack!“ locker überholt werden, frage ich Julia, ob ihr denn Idefix lieber ist als die Originalalben mit Asterix. Sie denkt kurz nach und sagt dann: „Ja.“ Ab da schwant mir Finsteres...
1. Idefix und die Unbeugsamen
2. Alldine & die Weltraumpiraten
3. Das unsichtbare Raumschiff
4. Zack!
5. Witches of Brooklyn
6. Hugo & Hassan forever
7. Boris, Babette und lauter Skelette
8. Hände weg von unserem Wald!
9. Trip mit Tropf
10. Willkommen in Oddleigh
11. Karl der Kleine: Printenherz
12. Superglitzer
13. Die schreckliche Adele
