- 19. Juli 2025
Spanien verschloss lang die Augen vor den Franco-Verbrechen: Ein erschütternder Comic zeigt jetzt den Preis des Schweigens

Einfach die ganze Scheiße totschweigen: Dieser Trend ist derzeit weltweit angesagt. Viele können gar nicht genug Schluss-Striche ziehen. Hierzulande DDR, Nazi-Herrschaft, andernorts Kirchenmissbrauch, Indianerkriege, Stalinismus, Vertreibung, Themen gibt es genug, und muss denn immer über alles geredet werden? Ein Comic erzählt jetzt von einem Land, das dieses Vorgehen gründlich ausprobiert hat: Spanien.
Hunderttausend Morde im Staatsauftrag
„Der Abgrund des Vergessens“ heißt der fiktional ergänzte Sachcomic, Paco Roca und Rodrigo Terrasa arbeiten am Beispiel der Öffnung eines Massengrabs bei Valencia die Geschichte der politischen Morde in Spanien auf. Diese gingen in den 30/40ern des letzten Jahrhunderts in die Hunderttausende, zum kleineren Teil begangen von Republikanern, zum überwiegenden Teil aber unter dem Franco-Regime.

Wie Roca/Terrasa dem Entsetzlichen Gesichter zuordnen, ist atemberaubend: Politische Prozesse, erfundene Anklagen, ignorierte Verteidigung, die Opfer sind Linke oder Leute, die Linke kennen oder Leute, die ihrem Nachbarn nicht passen. Entsetzliche Unterbringung bis zur Hinrichtung, Kontaktsperren zu den Angehörigen, und dann die routinierte Entsorgung der Toten in anonymen Massengräbern, Tote, Kalk, Erde, Schicht um Schicht um Schicht – in diesem Fall beerdigt von einem Linken, dem man wie zum Hohn diesen Job gnadenhalber aufgebrummt hat: „Begrab deine Leute!“ Und danach?
Verbotene Trauer

Spaniens Überwachungsstaat verbot die Trauer. Grabbesuche bei politischen Opfern waren verdächtig, nur an Allerheiligen, wenn alle zum Friedhof gehen, konnten sich die Trauernden unter die Menge mischen. Wenn sie überhaupt wussten, wo. Hier erwies sich dieser Totengräber als kleiner Glücksfall, wobei „Glück“ so aussieht: Wissen, zu welchem Grab man geht, und vielleicht konnte der Totengräber vorm Verscharren sogar ein kleines Andenken retten, etwa ein Stück Hemdsärmel. Dann, 1975, endete die Franco-Diktatur, recht überraschend. Und die demokratischen Parteien schlossen einen Pakt des Schweigens.
Ins Massengrab
Roca und Terrasa konzentrieren sich auf den Totengräber und eine alte Dame, die nichts weiter will, als die Überreste ihres Vaters neben die ihrer Mutter umzubetten. Aber immer wieder zeigen sie, dass das Geschehen noch viel mehr Menschen beschädigt hat: den Schützen im Erschießungskommando. Die Polizisten, die Leichen so gleichgültig wie schwungvoll in die sechs Meter tiefe Grube schleudern, wo sie dann liegen wie Schlenkerpuppen des Grauens.
Die Schuld bleibt über Generationen spürbar
Das landesweite Schweigen hat seinen Grund: Es gilt allgemein als Basis des recht gewaltarmen Übergangs zur Demokratie. Roca/Terrasa präsentieren jetzt seinen Preis. Der besteht nicht nur in den Geistern der Toten, den Leerstellen in den Lebensläufen. Er taucht auf in der Schuld der Todesschützen, der Polizisten, der Denunzianten, der schweigenden Zeugen. Eine simple Rechnung: Jeder Schmerz der Opfer lastet zugleich als Schuld auf den Schultern der Täter. Und die ist keineswegs unsichtbar.

Denn um die Jahrtausendwende rang sich die Politik allmählich zur Aufarbeitung durch, daher auch die Öffnung der Gräber: Aber genauso stark wird diese Aufarbeitung bekämpft, und der Hass, der den Angehörigen entgegenschlägt, speist sich vor allem aus eben jener Angst vor dieser Schuld.
Das freundliche Gesicht des Faschismus
Als Wessi kann man da schwer was raten: Nur die Ossis haben aus eigener Kraft eine Diktatur beseitigt, auch deren Bewältigung scheint heute eher mittelerfolgreich. Aber etwas anderes kann man von diesem Comic in jedem Fall mitnehmen: Francos Diktatur endete nicht in Ruinen und ließ den Holocaust weitgehend weg. Franco war also eine Art „Hitler light“. Wenn Sie sich also fragen, was mit einem „freundlichen Gesicht des Nationalsozialismus“ gemeint ist: exakt dieser Horror, den Roca/Terrasa hier schildern.
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- 16. Juli 2025
Die Outtakes (29): Diese Comics möchten wichtige Themen auf den Punkt bringen - und landen jeweils knapp daneben

A Debberla dudd si hald hardd
So ist’s eigentlich recht: Mit Lisa Frühbeis widmet sich in „Der Zeitraum“ eine gestandene Max-und-Moritz-Preisträgerin der Problematik alleinerziehender Frauen. Und Medien quer durch die Republik haben Frau Frühbeis dafür auf die Schulter geklopft, dass es nur so staubt. Nach der Lektüre wundert man sich allerdings ein wenig, wofür.
Lisa Frühbeis‘ Protagonistin ist eine junge Musikerin, die in sieben Tagen eine wichtige Komposition abgeben muss, aber eben leider/gottseidank auch noch zwei Kinder an der Backe hat. Was tut die junge Mutter also? Sie fährt mit den Kindern in den Urlaub. In ein Tiny House, das praktisch nur aus zwei Räumen besteht, so gut wie keine Rückzugsmöglichkeiten besitzt, auf einer Insel liegt, damit man die Kinder auch nicht mal per Bus ins nächste Kino schicken kann. Ich weiß nicht, wie’s Ihnen geht, aber ich denk dabei sofort: Warum nimmt sie eigentlich nicht noch ihren dementen Großvater mit, drei Hunde und vermietet eines der zwei Zimmer an einen kokainsüchtigen Studenten? Ja, optisch sieht das alles klasse aus: Für die Nöte findet Lisa Frühbeis schöne, sehenswerte Bilder, lebendige Farben. Aber all das hilft nicht mehr viel, wenn man Protagonistin samt Anliegen vom Start weg diskreditiert und es noch nicht einmal merkt. Denn so illustriert man nicht die Nöte alleinerziehender Mütter, sondern allenfalls die selbstgemachten Probleme unbedarfter Menschen. Oder, wie der Franke sagt: „ A Debberla dudd si hald hardd.“
Verzockt

Gutes Thema, schlimme Umsetzung: „Gaming“ von Szenarist Jean Zeid will die Entwicklung des Videospiels nachzeichnen, und da lacht ja zunächst das Herz des alten Mannes. Tatsächlich ist das Wiedersehen mit all den Erinnerungen angenehm, die Darreichung hingegen erschütternd altbacken. Zeid muss zwei Gestalten das Ganze erzählen lassen, einen Klugi (sich selber) und ein Doofi (Zeichnerin Émilie Rouge), und als ob das nicht genug wäre, muss auch noch ein Computerkästchen mit herumschweben wie diese Uhr in „Es war einmal der Mensch“. So spannend die Infos sind, so sehr treibt einem die Erzählweise Tränen in die Augen. Wie soll man das erklären… es ist so ziemlich wie seekrank aufm Traumschiff. Und das Ärgerlichste: Vor lauter Erklären übersehen die beiden wichtige Themen wie eingebaute Suchtmechanismen, In-Game-Käufe, all den fiesen Kram, der aus der schönen Spielerei immer öfter eine üble Abzocke macht.
Falsch eingelocht

Verlockend: Sarah Hübner legt mit „Unruhe“ eine schön reduziert bebilderte Parabel vor. In einem Bergdorf samt Postbotin entsteht auf einmal ein riesiges Loch. Irre tief, unfüllbar. Das beunruhigt die Menschen. Es kommen Geologen, die sagen, das Loch wäre sicher – aber wer weiß? Vielleicht lügen die Experten? Die Menschen ändern sich, jemand verkauft Streichhölzer als Amulette, und von einer alten, weisen Frau bekommt die Postbotin den Tipp: Nicht das Loch ist schuld, es gibt einen Brandstifter, der die Leute verdreht, und…
Hier ist dem Leser das Ziel längst klar: Eine Verschwörungsparabel soll's sein, die den Irrsinn elegant veranschaulicht. Doch dazu passt eines leider nicht: das Loch. Das Problem mit Corona oder Klimawandel ist doch, dass sie Unangenehmes verlangen (Masken, neue Heizung, weniger Schnitzel). Darum fliehen die Leute lieber in eine Quatschwelt. Doch das Loch verlangt – nichts. Man könnte es sogar als Touristenhotspot nutzen. Und so kann Hübner die Schwurbel-Symptome eben nur aufzählen, aber nicht: erklären oder entlarven (was der Sinn einer Parabel wäre). Vollends bricht die Analogie zusammen, als die Dörfler die Seilbahn abreißen, weil sie dort die Schuld suchen. Selbst der Dorfdepp weiß: Die Seilbahn braucht er noch, weshalb reale Mobs zuverlässig lieber Hexen jagen oder jüdische Seilbahnbetreiber. Das einfache Loch-Bild ist so verführerisch, dass man leicht übersieht, wie schief es ist – Hübner (Jahrgang 1998) hat das wohl unterschätzt. Kann vorkommen, aber so tendiert die Parabel zum gutgemeinten Pamphlet. Da war deutlich mehr drin!
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- 5. Juli 2025
Charles Berberians Zeitreise „Eine orientalische Erziehung“ schildert ein verschwundenes Beirut und einen vergessenen Libanon

Ich wundere mich über mich selbst. Denn das ist mal ein richtig ratloses Buch. Fast chaotisch. Und ich kann nicht anders, ich muss es dennoch mögen. Vielleicht eine Alterserscheinung? Der Comic heißt „Eine orientalische Erziehung“ und stammt vom Franzosen Charles Berberian. Weshalb ich ganz klar auf sowas wie den „Araber von morgen“ spekulierte. Aber das ist es definitiv nicht, sondern... irgendwie ganz was anderes.
Zwischen Stadtplan und Milhouse

Für meine Startprobleme ist Berberian selbst verantwortlich. Im Vorsatz direkt hinter dem Einband ist ein stilisierter Stadtplan von Beirut, und natürlich denkt man sofort „Aha, Sachcomic, Libanon, weiß ich nichts davon, sollte ich aber. Und dann die niedlichen Figuren auf dem Cover, zwischen Riad Sattouf und Bart Simpsons Kumpel Milhouse, was kann da schiefgehen?“
Volle Bandbreite
Aber Berberian beginnt in Paris, während des Lockdowns. Und zwischen Covid und Beirut springt er so lang umher, dass es beinahe schon nervt und mich nur eines vom Weglegen abhält: seine Zeichnungen. Schon lang hat niemand mehr eine so spannende Bandbreite an Stilen genutzt: Erst der Stadtplan, dann ein schön dick getuschtes Bild zweier Eltern, die ihren Sohn mit einem Koffer weggehen sehen. Fotos des leeren Paris, Stadtskizzen mit präzisen Strichen und dicken Farbschleiern, „Peanuts“-artige Cartoonskizzen, farbstrotzende Landschaften, all das sieht so gut aus, dass man rein handwerklich kaum glauben mag, dass da einer völlig den Faden verliert. Tut er auch nicht, der Faden ist nur nicht straff gespannt.
Verhedderte Familie
Der Lockdown erinnert ihn an den heraufziehenden Bürgerkrieg im Libanon. 1975 lebt der kleine Charles in Beirut. Um „Erziehung“ wie im Titel geht’s hier nicht, schon eher um Erinnern und Aufwachsen: Denn Berberian schildert vor allem seine verhedderte Familie, das Beirut der 70er Jahre und einen wundersam weltoffenen Orient, den man hier kaum kennt.
Ein Orient mit Pop und Pep
Charles und sein älterer Bruder Alain leben Ende der 60er Jahre zunächst bei der Oma. Die (geboren in Jerusalem, großgeworden in Alexandria) lernte dort einen Zyprioten kennen, der einen Job im libanesischen Beirut findet, im mondänen Saint-Georges-Hotel. Ihre Eltern arbeiten derweil in Bagdad und kommen erst 1974 ebenfalls nach Beirut, als sie dort Arbeit finden. Und eine Sache überrascht dabei noch mehr als der wirre Stammbaum.
Bikinis, Strandbad, Beauty-OPs
Die Oma wohnt in einer altmodischen, aber westlichen Wohnung. Sie und der Opa, die Eltern in Bagdad, alle laufen in Anzügen herum und quarzen wie die Schlote. Die Kinder rennen ins Strandbad, wo alles im Bikini herumspringt und Mama Berberian über Schönheitsoperationen nachdenkt. In Beirut entdeckt der große Bruder Alain (und spätere Regisseur) die Popmusik und Filme aus den USA und Frankreich. Der Frauenschwarm nimmt Charles sogar zum Ski-Wochenende mit: Und der kleine Charles beobachtet ihn bewundernd beim Tanzen, Flirten mit all den unverschleierten Frauen, es ist wie „Last Christmas“ im Libanon. Auch deshalb wird der Ausbruch des Bürgerkriegs bei Berberian gerade für westliche Augen so nachvollziehbar.

Man erlebt ihn aus der Perspektive einer Familie, die damit nichts zu tun hat, aber schnell lernt, dass man bei Schüssen sich in den Wohnungsflur setzt, weil der keine Fenster hat. Eingesperrt – wie plötzlich wieder beim Lockdown in Paris. In der Stadt also, in die sich die Familie Mitte der 70er vor dem Bürgerkrieg geflüchtet hat.
Vergangenheitsschmerz und Zukunftsangst

Hier wird dann klar: Der rote Faden ist Charles Berberian. Der seinen 2017 verstorbenen Bruder vermisst, seine Jugend und das Stadtbild von einst. Der mit den Verstorbenen spricht und sich in einer Situation findet, die er so zusammenfasst: „Die Vergangenheit ist schmerzlich und die Zukunft macht Angst.“ Aber es ist natürlich möglich, dass man um die sechzig sein muss, um das so zu empfinden.

Oder aber: Dass man einen Vater haben muss, der sich 1974, nur ein Jahr vor Ausbruch des Bürgerkriegs, auf einer Geschäftsreise in Beirut knipsen ließ. Dank Berberian weiß ich inzwischen auch, wo: Am Platz der Märtyrer, der exakt zu jener Zeit noch ein pulsierender, palmenbegrünter Treffpunkt war, mit Cafés, Kinos (wie dem im Hintergrund), ein Platz auf dem das Leben tobte. Während des libanesischen Bürgerkriegs verlief hier die Konfliktgrenze. Heute ist der Platz leer und die Wohn- und Geschäftshäuser sind weg. Manchmal demonstrieren dort die Libanesen, aber meistens sind die Brachflächen einfach nur zugeparkt. Die Welt von einst scheint verschwunden. Oder schlummert sie nur unter dem Asphalt?
