- 18. Dez. 2025
Die Outtakes (35): Mit 1 chaotischen Superheldin, 1 Korrektheits-Check und 1 Rilke-Fachfrau, die Rilke nicht erkennt

Zu strukturiert fürs Planlose?
Wie schön: ein Lebenszeichen von Elizabeth Pichs „Fungirl“: Die Spaßschleuder mit Saarbrückener Wurzeln kehrt mit zwei „Abenteuern“ zurück, einerseits in alter Frische, aber auch im erneuerten Gewand. Nach wie vor wird viel masturbiert, lustvoll gefaulenzt und geferkelt, andererseits sind die Episoden rund und abgeschlossen. Ich bin aber nicht sicher, ob die Struktur Fungirl guttut: Gerade das planlose Weitererzählen erhöhte ja den Reiz und die schöne Fassungslosigkeit darüber, wie ein Mensch und/oder gerade eine Frau mit spießigen Träumen (Erfolg, Familie, Respekt) zugleich derart ins Leben hineingammeln, -vögeln und -underperformen kann. Wenn aber Fungirl superheldinnenhaft gegen Sexmaschinen kämpft, hat plötzlich alles eine Form: Erst zeigt man Alltag, dann taucht das Problem auf, Fungirl möst das Problem mit der Löse. Aber ist denn nicht für jemanden wie Fungirl die normale Welt das eigentliche Abenteuer ? Vielleicht hab ich aber auch grad nur wieder einen Anfall von Besserwisserei. Zudem sind die Abenteuer aus dem englischsprachigen Backkatalog, das aktuelle Fungirl erlebt womöglich schon wieder ganz andere Sachen.
Rilkes Reisbreidiät

Okay, Rilke. Bin ich kein Fan von, aber muss ich auch nicht. Für Rilke-Comics gilt wie für jede andere Künstlerbiografie: Die Fans bedienen ist einfach, aber Laien den Künstler zu vermitteln ist der eigentliche Hauptgewinn. Und dabei darf man sich auf die Kunst verlassen oder auf das Leben, beides ist okay. Was also macht Melanie Garanin? Sie schickt die fiktive Journalistin eines Online-Magazins auf Rilke-Recherche nach Worpswede. Die Frau hadert mit ihrem Alter und ist auch sonst recht nörgelig plus in einer Beziehung mit einem blöden Volker. Unterwegs arbeitet sie für uns Rilke auf, exakt chronologisch, franziskabeckeresk illustriert, immer mit eingeflochtenen Rilke-Zitaten, das ist dann der erträgliche Teil. Dabei lernt sie einen charmanten Typen kennen, der – wie sie trotz ihrer Recherche erst auf Seite 93 merkt – genauso aussieht wie Rilke und auch Rilke ist. Fantasie? Wunsch? Realität? Egal, weil ab da unser Rilke sich in einem frauverfassten Mansplaining lang und breit selbst erläutert, was ihn beinahe so interessant macht wie eine Reisbreidiät. Die schlichte Erklärung dahinter: Garanin ist selber Fangirl. Das ist dann natürlich schön für sie.
Betreutes Ghostwriten

Nicht so überzeugend: Im Max-und-Moritz-preisgekrönten Band „Rude Girl“ (2022) startet Birgit Weyhe bei einem Seminar, in dem man ihr kulturelle Aneignung vorwirft. Weyhe ist gekränkt: Sie ist weiß, wuchs aber in Afrika auf. Muss man schwarz sein, um von dort berichten zu dürfen? Also reagiert sie mit einem Projekt: Sie schildert die Jugend der US-Professorin Priscilla Layne. Die hat jamaikanische Wurzeln, ist aber den Weißen zu schwarz, den Schwarzen zu hell. Eigentlich Sprengstoff, weil: Rassismus sogar von seiten sonstiger Opfer kommt. Aber Weyhe erzählt (aus Rücksicht? aus Vorsicht?) alles abschnittsweise, und nach jedem Abschnitt darf die Professorin die Schilderung beurteilen oder richtigstellen. Das ist behutsam gedacht, hat aber vor allem Nachteile. Nicht nur, weil Weyhe sich damit zur betreuten Ghostwriterin degradiert. Sondern auch, weil vor lauter Transparenz der Fokus vor allem darauf liegt, ob Weyhe alles richtig macht. So verschenkt „Rude Girl“ viel Antirassismus-Potential und verzettelt sich in Befindlichkeiten.
Sie wollen Ihren Senf dazugeben? Dann hier:
- 7. Dez. 2025
Trendthema Frühgeschichte: Zwei Comics bringen Sie auf den neuesten Stand – einer richtig gut, einer sogar grandios unterhaltsam

Ist’s ein Trend? Kaum hat Ulli Lust mit „Die Frau als Mensch“ den Deutschen Sachbuchpreis abgeräumt, kommen schon zwei weitere thematisch verwandte Comics auf den Markt. Muss wohl ein Trend sein, denn so schnell kann der Buchmarkt nicht reagieren. Aber viel wichtiger ist: Beide Comics sind deutlich schlüssiger als der Lust-Titel: Weil sie mit einer Fragestellung arbeiten und diese Frage auch noch beantworten, kommt man nach dem Lesen nicht nur deutlich zufriedener raus, sondern auch besser unterhalten. Einen der beiden muss ich Ihnen sogar regelrecht ans Herz legen.
Kein Tier passt zum Fundstück

Richard Cowdry hat den Vorteil des attraktiveren Themas: Dinosaurier. Das er in „Das Geheimnis der Knochen“ mit der Frage verbindet: Wie kam man zur heutigen Paläontologie? Weil, früher dachte man ja: Ob , Mensch, Maus, Mango, der jeweilige Gott hätte in sechs Tagen alles so gebastelt, wie’s heute aussieht. Wie wurde dieses Modell geknackt? Allmählich? Oder über Nacht? Und wie hat man sich Fossilien erklärt, die zu keinem lebenden Tier passten?
Mit dem Bergbau kamen die Fossilien
Cowdry arbeitet sich recht chronologisch vor. Er beginnt im Mittelalter, wo die Menschen schon diverse Fossilien fanden, aber sich allerhand Hokuspokus dazu überlegten. Und natürlich fand sich mehr Fossilien, je mehr die Menschen sich (für Kohle o.ä.) in und unter die Erde wühlten. Manche deuteten richtig, manche lagen falsch, manche lachte man aus und müsste sich heute bei ihnen entschuldigen. Das ist durchaus munter zu lesen – aber es treten Schwächen auf.

Cowdry illustriert und erzählt kindgerecht – aber warum? Kinder finden Saurier spannender als den Streit um die korrekte Knochendeutung. Zu Erwachsenen wiederum passt zwar die Frage besser, doch die merken, wenn's (wie in Kinderbüchern oft üblich) kein Literaturverzeichnis gibt. Aber was ist dann belegt, was nur „vermutlich irgendwie so gewesen?“ (Cowdry stellt klar – und ich glaub's ihm sofort – , er habe eigentlich ein Literaturverzeichnis dazugestellt, das jedoch weggekürzt wurde. Ärgerlich, aber Namens-, Sach- und Literaturregister werden in letzter Zeit häufig geringgeschätzt)
Das Personal ist einfach zu gut
Trotz Skepsis: Man liest mit unerwarteter Freude. Das Personal ist einfach zu gut: Forscher, Gschaftlhuber, Wichtigtuer. All das getoppt von der furchtbar ungerechten Geschichte der Britin Mary Anning. Die verdiente ihren Lebensunterhalt mit dem Ausbuddeln und Verkaufen von Fossilien – und entdeckte dabei auch das erste komplette Plesiosaurier-Skelett in den Meeresfelsen. Das sie über Monate hinweg im Alleingang in den Phasen zwischen Ebbe und Flut herausmeißelte. Die verdiente Anerkennung dafür blieb damals weitestgehend aus, die rissen sich lieber einige angesehene Akademiker unter den Nagel. Starkes Stück. Starke Geschichte.

Sechs Richtige für Tine Steen!

Donnerwetter: Was für ein exzellentes Produkt! Ohne Witz: Ich hab schon lang keinen Sachcomic mehr gesehen, bei dem so viel richtig gemacht wurde wie in Tine Steens „Die kochenden Affen“. Und das fängt schon bei der Behandlung des Themas an: Steen erkennt, dass ihre Story pur auf Leser-Wohlwollen angewiesen wäre. Steinzeit-Essen, naja, schon eher nerdig. Aber anders als Ulli Lust, die genauso vom eigenen Thema beseelt ist, bleibt Steen eisklar: Das Thema muss attraktiver werden. Und obwohl Steen viel Bildungsbürgerliches im Angebot hätte (Auswirkungen auf heutige Menschen. Sozialgeschichte) entscheidet sie sich für die Unterhaltsamkeit. Sie signalisiert vollrohr: Auch noch lustig!
Humor (1) in vertrauter Verpackung (2)
Steen verkleidet das Ganze als Fake-Kochmagazin und verspricht auf dem Titel „Mit den besten Rezepten der letzten 3 Millionen Jahre“. Natürlich in Aufkleberoptik, die man in der Branche „Störer“ nennt. Das klingt fast unseriös witzig, im Grunde funktioniert das Cover als eigenständiger Cartoon, so ähnlich wie beim Cover der „Titanic“. Aber weil die Rezepte tatsächlich drin sind, gibt man dem Ding eine Chance, selbst wenn man so wenig Lust auf Foodjournalismus hat wie ich. Die Zutatenliste fürs erste Rezept: 1 Kadaver, 1 Stein. Schon ein Lacher, oder?

Innen wird's sofort wieder clever: Steen erfindet das Rad nicht neu, sondern signalisiert Vertrautheit. Sie übernimmt ihre Optik weitgehend von Bestseller-Autorin Liv Strömquist, die ebenfalls für Humorfotainment steht. Viel Text in frech wechselnden Schriften, die zeichnerischen Ansprüche hat Städelschülerin Steen auf Strömquists Level herabgedimmt. Sie weiß: Es entscheidet der Info-Gag. Vor allem, wenn man so pfiffig ist wie Steen: Sie lockert ihre Infos passend auf, wie die Lehrerin, die man für ihre Pointen liebt und der man trotzdem zuhört. Etwa Typ „May Thi Nguyen-Tim“.

Dabei verliert Steen obendrein nicht die Übersicht: Sie sagt, was sie vorhat, zeigt es dann stringent auf. Manchmal schweift sie ab, kehrt aber zuverlässig zum roten Faden zurück. Als wär’s das Selbstverständlichste im Comicgeschäft. Ist es aber nicht.
Roter Faden (3) ohne Mission (4), aber mit Quellen (5)
Steen will auch nicht auf Teufel komm raus irgendwas belegen. Sie will Zusammenhänge erklären und nicht sagen, was man essen soll oder die Steinzeitfrau im Nachhinein gleichberechtigen. Sie weiß, dass sich derlei ohnehin aus ihrem Stoff ergibt: Warum wir Fett so gern mögen, warum Frauen oft entscheidender waren als angenommen, warum sie manches anders sehen und machen. Theoretisch, wohlgemerkt, weil Steen supersolide klarstellt, wann und wo Thesen gut begründet, aber eben nur Thesen sind.

Apropos: Erinnern Sie sich noch an „Columbusstraße“, wo’s zwar ein Quellenverzeichnis gab, das aber hauptsächlich aus Bequemipedia bestand? Steen hat ein Literaturverzeichnis mit richtigen Aufsätzen von richtigen Wissenschaftlern aus richtigen Publikationen. Und weist trotzdem auf Ungenauigkeiten hin, die sich ergeben, wenn die Quellen Hunderttausende bis Millionen Jahre alt sind.
News to use (6)
Alles war für die Katz, wenn das Thema trotz Aufbereitung zu schwach ist. Aber Steen hat recht: Wenn man erstmal drin ist, lernt man eine Menge für das Hier und Jetzt. Wie ineffizient Essen eigentlich ist: Man braucht viel Zeit und Energie zum finden, Kauen, Verdauen. Man holt nur einen Bruchteil vom Brennwert raus. Und wieviel besser das wird, wenn man einen Teil dieser Mühe vor dem Essen erledigt. Von Tine Steen weiß ich: Kochen ist eigentlich das Outsourcen von Teilen der Verdauungsarbeit. An andere Leute (Koch), mit zusätzlicher Energie (Feuer/Strom). Warum wird Fleisch sogar besser, wenn man nur drauf einprügelt? Lauter gute Fragen und spannende Sachen. Ich hätte sie nicht von selbst gestellt, aber jetzt, wo mich Steen draufbringt, finde ich sie auch spannend.
Sie wollen Ihren Senf dazugeben? Dann hier:
- 16. Nov. 2025
Wasser, soweit das Auge reicht: Benjamin Flao blickt mit wohltuendem Pragmatismus in eine apokalyptische Zukunft

Machen wir’s kurz: Der Typ ist gut. Aber mal richtig, richtig gut. UEFA-Cup-Qualität, mitunter sogar noch besser. Über Jahre hinweg. Und jetzt ist die ideale Gelegenheit zum Kennenlernen. Denn gerade erscheint Benjamin Flaos Finale seines Zweiteilers „Auf dem Wasser“. Der mir eigentlich vom Start weg gegen den Strich geht.
Radikal eingewöhnt
Denn Flao beginnt mit einem telepathisch begabten blauen Hund als Erzähler. Was ich sofort gar nicht begriffen habe. Ich dachte, das sei symbolisch oder so, und die Hundegedanken wären einfach ein anonymer Erzähler. Was im Prinzip ziemlich gewöhnungsbedürftig ist, aber Flao kürzt die Gewöhnungszeit radikal ab: durch seine verführerischen Bilder.

Er startet supergroßzügig, mit gewaltigen Splashes von Gegenden und Stadtlandschaften. Erst verkommene Wohnungen, dann die Außenwelt, völlig überflutet. Wir sind in der Zukunft, irgendwo in Europa, in der Dystopie-Variante, in der die Wasserspiegel gestiegen sind. Und das sieht, sorry, einfach großartig aus. Obwohl diese Welt eine schauerliche ist.
Waterworld by Wilhelm Busch
Aber diese Weiten, aus denen ein paar Dächer ragen, Baumwipfel, in denen sich das kleine Motorboot von Hans verliert, das Licht, die Wolken, die Wälder – leben will man da nicht, aber zusehen ganz gewiss. Auch, als Hans ankommt, in der Sumpfhütte seiner Mutter Jeanne, und dort den telepathischen Hund knuddelt. Erstens, weil dieses Hundknuddeln selten so gut eingefangen wurde. Und zweitens, weil die Menschen, die Dialogszenen, etwas ungemein Vertrautes haben. Irgendwie … a touch of Wilhelm Busch.

Nicht wegen der Pointen, es liegt mehr an der Kombination aus dicken schwarzen Strichen, ergänzt mit wenigen dünnen schwarzen Kratzern. Sie ergeben zerknautschte, realistische Menschen, und in den komischen Momenten – dochdoch, das ist buschhaft. Dazu große Farbflächen und reichlich Weiß, man liest gerne weiter.
Gut gelaunter Untergang
Trotzdem es dann schon manches zu bekritteln gibt. Der Hund etwa klappt nicht so gut, weil es auch Szenen gibt, in denen er nicht dabei ist. Wer erzählt uns die? Und auch bei der Konstruktion der Wasserwelt ist manches eher halbgar: Lebensmittel, Treibstoff, alles wird knapp – aber dafür sind die Charaktere noch zu gut gelaunt (verglichen mit Gipis „Welt der Söhne“) oder zu gut versorgt (verglichen mit Merwans „Mechanica Caelestium“).

Auch ist nicht ganz klar, warum eine Regierung die verstreut lebenden Menschen vertreiben will. Und die Wasserlandschaft selbst: Die kann eigentlich nicht so tief sein, dass Blauwale reinpassen. Aber Flao geht es offenbar nicht um präzise politische Aussagen. Stattdessen erzählt er von einer erträglichen Form der Apokalypse, einer Zeit, in der man einfach mal mit weniger auskommt und die Menschen Menschen sein lässt. Denen er liebevoll zusehen und zuhören will.
Herzlich in der Hölle
Das macht er wiederum ganz ausgezeichnet: Wortarm, ruppig, herzlich, im Grunde könnten die Leute alle aus der kleinen Kneipe in unserer Straße stammen. Man kann es gut aushalten in dieser höllischen Welt. Was auch mal ganz guttut, weil die Realität wohl eher aussieht wie bei Gipi.

Sie wollen Ihren Senf dazugeben? Dann hier:
