- 8. März
Erbarmungslos einfühlsam: Lika Nüssli beobachtet schmerzhaft genau den dementen Alltag ihrer Mutter

Schön ist was Anderes. Sagte meine Mutter oft dann, wenn schön was Anderes war. Wie zum Beispiel „Vergiss dich nicht“ von der Schweizer Zeichnerin Lika Nüssli. Schön ist definitiv was Anderes. Gut nicht. Gut ist genau das. Man muss es aber aushalten können.
Bizarre Parallelwelt
Nüssli setzt sich mit dem Abschied von ihrer Mutter auseinander, die das Ende ihres Lebens im Heim verbringt. Die Demenz hat nicht mehr viel Mutter übriggelassen. 30 Seiten widmet Nüssli der alten Dame, der Vergangenheit, dem gemeinsamen Wandern, dem Aufwachsen in der Gastwirtschaft. Dann switcht sie in die Gegenwart. Nüssli besucht ihre Mutter, sie notiert und zeichnet aus der bizarren Parallelwelt des Pflegeheims. Und das gelingt Nüssli außerordentlich gut.

Auch, weil sie sich erzählerisch rasch von ihrer Mutter löst. Als Einstieg sind wir noch bei ihr, erleben den fürsorglichen, nicht immer leicht erträglichen Freundlichsprech der Pflegekräfte. Aber vom Basteltisch, bei dem die Mutter ihr Gebiss in Pflanzenblätter wickelt und im Blumentopf entsorgt, schweift Nüssli ab und nimmt das ganze Heim in den Blick.
Dialoge ohne Anfang und Ende
Den Mann, dem immer kalt ist. Die Frau, die ständig von „bella italia“ redet. Dialoge ohne Anfang und Ende, bei denen Partner und Möbel seltsame Formen annehmen oder plötzlich in amorphen Strukturen verschwinden. Nicht immer ist klar, was wirklich gesagt wird oder was tatsächlich zu sehen ist. Erinnerungen sind plötzlich da, werden zu Fantasien umgebaut, verschwinden wieder. Nüssli lässt das genauso unkommentiert geschehen, mit ihren Szenen platziert sie ihr Publikum mitten in die Hilf- und Ratlosigkeit. Schön ist was anderes. Gut nicht.

Das Geschilderte ist oft ungenau und muss es auch bleiben, weil vieles rätselhaft bleibt. Zugleich ist Nüssli aber auch bewundernswert präzise: Wie sie etwa die absurden Gespräche belauscht, die vermehrt im heimatlichen (Schweizer) Dialekt ablaufen – oder aber in hochdeutschen, präzise eingeschliffenen und immer wieder abgespielten Formulierungen. Wie denen des Herrn Krause, der aufs Klo gebracht wird. Auf die im freundlichen Singsang vorgetragene Ermunterung „Isch schön warm hier drin, Herr Krause, gäll?“ kontert er förmlich mit „Ach, das kann ich nicht bestätigen.“
So echt, dass man heulen könnte
Allein diese Antwort lässt viele Vermutungen zu, was und wer dieser Herr Krause mal war und jetzt nur noch zum Teil ist, zum Klein-Teil. Das ist so echt, dass man heulen könnte. Nüssli zeigt aus Bruchstücken der Vergangenheiten zusammengesetzte Welten, einen Kosmos, der mit unserer Realität wenig zu tun hat und ganz eigene Prioritäten setzt. Verletzungen tauchen auf, Ungerechtigkeiten, dazwischen immer wieder eine vom Leben ermüdete Gleichgültigkeit.

Manchmal ist das auf eine furchtbare Art komisch und auf eine komische Art furchtbar. Erträglich? Vielleicht, vielleicht nicht, ertragen wird es jedenfalls, nicht zuletzt von der zeichnenden Zeugin Lika Nüssli selbst. Trost findet man hier nicht, auch keine Hilfe, als Ratgeber taugt der Comic nicht – wie soll er auch? Wer in Nüsslis Alter ist, wer die erbarmungslose Situation kennt, der weiß, dass man das als Angehöriger nur aushalten kann, aushalten muss.
Furchtbar komisch – komisch furchtbar
Hier liegt auch der Unterschied zum ähnlich exzellenten „Sommer ihres Lebens“ von Barbara Yelin und Thomas von Steinaecker. Die beiden spiegelten das Ab-Leben einer Frau im Heim mit ihrem aktiven Leben zuvor. Lika Nüssli verlegt nun den Schwerpunkt aufs banal-aberwitzige Jetzt. Interessante Folge: Bei Nüssli identifizieren wir uns nicht mit der Hauptfigur, sondern mit den Menschen, die all das ohne professionellen Abstand beobachten (müssen) – die Angehörigen.

Ob Angehörige einen solchen Comic gern lesen? Mit Genuss? Wer überhaupt liest sowas gern oder mit Genuss? Aber das ist vermutlich die falsche Herangehensweise. Hier setzt man sich einer Situation aus, und das einfühlsamer als in jedem Fachbuch. Und wer die Situation kennt und selbst oft genug sieht, für den ist geteiltes Leid vielleicht ein bisschen weniger Leid. Schön ist was anderes, würde meine Mutter jetzt sagen.
Also nicht schön.
Aber gut.
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- 15. Feb.
Nazis light, wäre das so furchtbar? Drei Comics zeigen die NS-Welt vor dem Holocaust. Schauen Sie doch mal, ob Sie Lust drauf haben

Gründe für ein AfD-Verbot gibt’s genug, aber nötig ist es nur, weil deren Wähler hartnäckig die Folgen ihrer Wahl kleinreden: Wer sagt denn, dass alle Nazis immer nur Konzentrationslager bauen? Also gut, schauen wir in die Zeit vorher. Als die Nazis noch nicht alles ermordeten, sondern den Irrsinn erst in die Wege leiteten. Drei Comics zeigen einen Einblick in jene Epoche, die derzeit scheinbar eine Menge Menschen wieder für akzeptabel halten. Als alles noch nicht „zum Schlimmsten“ gekommen war. Weshalb in allen drei Bänden kein Konzentrationslager vorkommt. Und wenn ich die Rechtswähler richtig verstehe, ist dann ja alles irgendwie akzeptabel, nicht wahr?
Migrationspolitik 1938

„Die Irrfahrt der St. Louis“ ist eine historische Episode am Vorabend des Holocaust: Knapp 1000 jüdische Flüchtlinge wollten 1938 legal aus Nazideutschland nach Kuba entkommen. Eine bittere Geschichte, die gerade heute eine Menge Querverweise zulässt: Denn es blüht ja nicht nur der Antisemitismus wieder auf, sondern auch die Bereitschaft, Flüchtlinge und Migranten ab-, weg- und weiterzuschieben, ungeachtet aller Verdienste und Gefahren. Damals wurden die Juden vorher noch staatlich ausgeplündert, wollen wir wetten, dass die Remigrations-Experten von heute auch schon mal nachrechnen, was da zu holen ist? Und auch die heutige Aufnahmebereitschaft des Auslands ist der damaligen vergleichbar. Weshalb fast alle Passagiere der St. Louis nach Wochen auf See wieder im belgischen Antwerpen landeten – Kuba, die USA und Kanada verweigerten die Anlandung. 250 Passagiere starben letztlich in deutschen Händen. Schade nur, dass der Band von Sara Dellabella und Alessio Lo Manto nicht recht abhebt. Am etwas kindgerechten Stil liegt das weniger, mehr schon daran, dass Lo Mantos Schiff gern immer mal anders aussieht. Oder daran, dass Dellabellas Szenario eher chronologisch abarbeitet als dramaturgisch aufbereitet. Oder am arg platt eingebauten Bordnazi. Das ist solides Doku-Fernsehspiel-Niveau, nicht mehr. Aber eben auch nicht weniger.
Anne Frank on the road

Band zwei kommt aus dem Subgenre „Überleben im Untergrund“. 2011 erschienen die Erinnerungen von Joseph Joffo, der sich als jüdisches Kind im besetzten Frankreich abenteuerlichst durchschlug. Sozusagen Anne Frank on the road. Das Ergebnis sind 126 bitter-spannende, hervorragend von Vincent Bailly illustrierte Seiten, die wieder mal zeigen, wie flexibel, einfallsreich, reaktionsschnell man sein muss, um nicht umgebracht (Nazis), in Minneapolis erschossen (Trump) oder den Taliban ausgeliefert (Merz) zu werden. Ob man diese Fähigkeiten (Vorschriften befolgen gehört übrigens explizit nicht dazu!) selbst hätte? Ich wohl eher nicht. Leider erschien das Buch nie in Deutschland als Comic – ich nehme mal an, es war den Verlagen nicht graphicnoveldick genug. Es gibt den Band aber auf französisch, italienisch und (in meinem Fall) auch englisch.
Die ganz normalen Kriegswirren

Der tschechische Comic „Sudetenlove“ ist fiktiv, lässt sich aber von wahren Gegebenheiten inspirieren. Im Zentrum steht die Liebe von Hedwig und Fritz, die sich 1937 beim Skifahren kennenlernen. Fritz ist halb Tscheche, Hedwig eine sudetendeutsche Tschechin. Doch die NS-Begehrlichkeiten zeichnen sich bereits jenseits der Grenze ab. Juden überlegen, ob man das Land verlassen sollte, und Hedwigs Eltern schicken ihre Tochter angesichts der unruhigen Zeiten nach Belgien. Weshalb der verliebte Fritz per Fahrrad quer durch Deutschland fährt, um sie zu besuchen. An der belgischen Grenze finden ihn die Deutschen zu tschechisch und verhaften ihn als Spion. Bis ihnen die Soldaten ausgehen. Da ist Fritz plötzlich deutsch genug: Er wird als Soldat an die Ostfront entlassen. Fritz desertiert und schlägt sich mühsam nach Hause durch, wo man nach Kriegsende die Deutschen enteignet. Hedwig flieht mit ihrer Familie nach Bayern. Fritz, der jetzt den Tschechen zu deutsch ist, bleibt... Der Grafiker Filip Raif hat die Geschichte ansprechend, aber nicht anbiedernd umgesetzt. Die Fiktion nimmt ihr die Superschwere: Wem sie nicht tödlich genug ist, der kann sie auch als „Kriegswirren“ wegdrücken. Aber das bedeutet exakt: So sieht's aus, wenn es „nicht zum Schlimmsten kommt“. Was also von dieser minder schweren, komplett unnötigen Scheiße will man haben? Was davon ist besser als im Deutschland von 1932? Oder von heute?
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- 12. Feb.
Die Outtakes (37): Mit 1 autobiografischen Nahtoderfahrung, 1 dämonischen Ziege und 1 gefrühstückten Prediger

Der Tod sieht hübsch aus. Also: Der Nahtod in Frenk Meeuwsens „Rufus“. Ein nicht mehr ganz junger Vater, mehr 50 als 40, lebt mit seinem niedlichen Sohn und seiner Frau und kriegt einen Herzinfarkt. Das war’s im Prinzip schon. Meeuwsen arbeitet autobiographisch, „Rufus“ ist praktisch das Sequel zur Vaterschaft vor vier Jahren. Gut ist er immer dann, wenn ihm berührende oder absurde Momente gelingen: Die pragmatische Herangehensweise seines Sohnes an die Sterblichkeit etwa, oder die abgedrehten Welten, in die Koma und Narkose seine Realität umformen. Aber dennoch ist die Story recht erwartbar: Vati wird krank, kommt in die Klinik und wieder heraus – da fehlt noch was, nicht wahr? Oder geht das nur mir so? In Heiner Lünstedts kaffeelosem Comic-Café hab ich gelernt, dass Meeuwsen das Narkose-Erlebnis offenbar sehr überzeugend wiedergibt. Das mag sein, aber dann kann ich's (noch) nicht beurteilen.
Geil und verhext

Dass man bei Sole Oteros Graphic Novels ein bisschen zum Reinkommen braucht, hab ich schon bei „Napthalin“ gemerkt, und auch, dass man einige ihrer klobigen Figuren leicht verwechselt. Aber aus „Napthalin“ habe ich mehr mitgenommen als aus dem neuen Band „Hexenkunst“, obwohl der eigentlich geiler ist, wortwörtlich. Die Argentinierin Otero erzählt aus verschiedenen Zeitebenen und Blickwinkeln die Geschichte eines Hexentrios, das Frauen medizinisch-magisch hilft und Männer zum Erhalt der eigenen Kräfte (und einer dämonischen Ziege) benutzt. Das ist mal gruselig, mal deftig-skurril, mal bedrohlich, also lauter prima Geschmacksrichtungen, die aber leider kein Ganzes ergeben, weil man beim Lesen zu beschäftigt ist: mit dem Sortieren der Infos. Wenn ein Spanner seinem Kumpel von den merkwürdigen Orgien erzählt, die er da im Hexenhaus beobachtet, geht das noch. Aber wenn in einer Episode eine junge Internet-Einsiedlerin, die seit Jahren nicht mehr vor die Tür geht, via E-Mail vom Tierarzt ihrer Katze angebaggert wird, ungeschickt, weil der Tierarzt eine komplizierte Familie hat, nämlich eben die drei Hexen – sehen Sie, das dauert lang, bis man schnallt, dass es gar nicht um die Verhuschte geht, sondern um den Doc, und das bremst ziemlich aus. Andererseits: Wenn’s denn mal klappt, klappt es recht gut.
Der Standard der 50er

Ein Comic kann Komplexes veranschaulichen. Warum Reiche reich sind und Arme arm, beispielsweise. Er kann aber auch Vorträge halten wie jemand, der keinen Clown gefrühstückt hat, sondern einen Prediger. Was exakt das Problem der Comic-Version von „Eine kurze Geschichte der Gleichheit“ ist. Erschwerend hinzu kommt linke Betriebsblindheit: Wer vom eigenen Rechthaben so überzeugt ist, dass alles von selbst einleuchtet, vermittelt nicht mehr und liefert statt Karikaturen ärgerliche Klischees. Im Wortsinne, weil hier die Reichen und Industriellen wieder mal feist sind und sogar beim Squash-Spielen noch T-Shirts mit Zylindern drauf tragen. Da ist’s nicht mehr weit bis zu Melone und Zigarre, den kapitalistischen Standard-Attributen der 50er. Selbst wenn die Analysen zutreffen: sie kommen als mäßig spaßiges Info-Cartoon-Konvolut daher, das als Sachtext möglicherweise griffiger wäre. Dazu müsste man aber das Buch von Thomas Piketty kennen.
