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Comicverfuehrer

Was ist das für ein Land, das die USA und Israel gerade (nicht)bombardieren? Wie lebt sich's da? Zwei Comics beleuchten die Diktatur am Golf


Es ist zum Irrewerden: Die US-Kriegsführung ist so grauenhaft doppel- und dreifachdoof, dass man immer wieder aus dem Blick verliert, was für mörderische Typen da eigentlich im Iran seit 40 Jahren mit aller Gewalt an der Macht sind. Dass da nicht Böse über Gut herfällt oder Übel gegen Mittel kämpft, sondern Arsch gegen Arsch. Und der Iran selbst? Was ist das eigentlich für ein Land? Wie lebt sich's da? Zwei Comics helfen bei der Einordnung.

Mit dem Vater auf Wurzelsuche


Der ungewöhnlichere ist „Wind in meinem Kopftuch“ von Roya Soraya. Weil Soraya einen sehr persönlichen Blickwinkel einnimmt: Sie erinnert sich an eine Iran-Reise von 2019, mit ihrem Vater. Er ist Perser, seine Familie floh nach der 79er Revolution und Tochter Roya denkt von klein auf, sie müsste da mal hin. Mit Anfang 20 ist es soweit, Papa fährt mit, weil er die Sprache kennt. Es ist sofort klar, dass dies kein Standard-Vater-Tochter-Urlaub wird.

Illustration: Roya Soraya - Carlsen
Illustration: Roya Soraya - Carlsen

Roya besorgt sich ein neues, leeres Handy, damit keine verräterischen Bilder oder Messages auffindbar sind – Roya ist lesbisch (aber im Iran empfiehlt sich ein leeres Handy auch für Nichtlesben). Sie muss vom Flughafen an das Kopftuch tragen. Und dann… wirkt alles einerseits erträglich. Andererseits ist überall dieser Überwachungsdruck. Im Bus sitzen die Männer käfigartig getrennt von den sackartig verhüllten Frauen. Ein Eis leckt Roya besser nur innen, es könnte ja wer die Zunge sehen. Und nicht mal zum Scherz kann man im Lift zur Fahrstuhlmusik tanzen – wer weiß, ob da Kameras sind? Und wer will schon mit den Revolutionswächtern über Witze streiten?


Geliebte Steinzeit-Heimat


Das Paradoxe ist: Roya mag den Iran. Es fühlt sich für sie tatsächlich besonders an, heimatlich. Es gibt schöne, Jahrhunderte, Jahrtausende alte Stätten, sie liebt das Essen. Sie genießt die Verbundenheit, die Nähe zu ihrem Vater, auch ohne zu ahnen, dass diese Reise die letzte mit ihm sein wird: Er stirbt kurz darauf, sie zeichnet den Comic beim Auflösen seiner Wohnung. Und so transportiert der Comic zugleich die Wehmut des Abschieds, die Erfüllung eines Traums und das bedrückende Leben im Iran. Nicht nur für Frauen.

Illustration: Roya Soraya - Carlsen
Illustration: Roya Soraya - Carlsen

Denn auch Royas Vater ist es extrem unangenehm, wenn er seine Tochter durch eine Heimat führen muss, die in geistiger Steinzeit festgehalten wird. Sorayas berührende Beobachtungen treffen emotional und politisch: Weil auch klar wird, dass die Trump-Kamarilla gerade diese Terrorregierung dieses Landes so richtig im Sattel festschweißt. Übrigens exakt dieselbe Kamarilla, die keinen Finger rührte, als die iranische Bevölkerung im Winter aufbegehrte.


Die deformierte Glaubensgemeinschaft

Illustration: Maya Neyestani - Edition Moderne
Illustration: Maya Neyestani - Edition Moderne

Wer wissen will, wohin eine Gesellschaft driftet, die dauerhaft so regiert wird, dem kann man Maya Neyestanis acht Jahre alten Comic „Die Spinne von Maschhad“ empfehlen.

Maschhad ist die zweitgrößte Stadt des Iran, sie ist religiös extrem bedeutend, weil man dort den Schrein des Imam Reza um alles bitten kann, was die Leute sich hierzulande von Altötting erhoffen. Zugleich liegt die Stadt aber auch nahe am Drogenexportland Afghanistan.


Für Drogen auf den Strich


Natürlich sind Drogen auch im Iran attraktiv, vielleicht sogar besonders: In einem öden Verbotsparadies geht man nicht aus, da bleibt man daheim und knallt sich weg. Und weil der Glaubensknast als wirtschaftliches Fiasko kaum gute Jobs bietet, finanzieren nicht wenige Männer im Iran ihre Drogen, indem sie die eigene Frau zum Anschaffen schicken. Was in einem Gottesstaat nicht nur doppelt verwerflich ist, sondern auch doppelt gefährlich.

Illustration: Maya Neyestani - Edition Moderne
Illustration: Maya Neyestani - Edition Moderne

Neyestani erzählt nun die Geschichte des unscheinbaren Maurers Said Hanai, der 16 dieser drogenabhängigen Prostituierten vom Straßenstrich mit nach Hause nahm und dort erwürgte. Die Begründung: das sei Gottes Wille. Nach zwölf Monaten wird Hanai erwischt und zum Tode verurteilt. Begründung: Über Gottes Willen entscheiden Mullahs, nicht Maurer. Gegen das Urteil protestierten zahlreiche Iraner, weil nach (damals zwei, heute fast fünf) Jahrzehnten der Mullah-Herrschaft dort eine Menge Männer wie Hanai weder mit Frauen sprechen noch ihnen irgendeine Form von Freiheit zugestehen.


Frauensolidarität als Mangelware


Offenbar sind aber auch viele Frauen (wie Hanais lieblos hinvermittelte Gattin) der Ansicht, als Frau verdiene man bei Ungehörigkeit den Tod. Ob sie stille Komplizin war, weiß man nicht – aber um 16 Morde im eigenen Haus zu übersehen, müsste ein Amateurkiller schon sehr professionell arbeiten.

Illustration: Maya Neyestani - Edition Moderne
Illustration: Maya Neyestani - Edition Moderne

Neyestani erfindet all das nicht, er adaptiert einen Dokumentarfilm über den Fall inklusive eines Interviews mit dem Mörder. Dabei ergänzt er das Material fantasievoll, etwa mit einem Staatsanwalt, der zuhause die Risse im Putz hinter Koran-Kalligraphien versteckt. Hier weiß man gar nicht, worüber man am meisten staunt.


Nachahmungstäter aus Amerika


Darüber, dass eine Diktatur, die einem alles nimmt, die alles kontrolliert, ausgerechnet bei Drogen versagt? Oder über die Parallelen zu den USA, die nicht nur sehr ähnliche Drogenprobleme haben, sondern gleichfalls auf dem Weg in einen faschistoiden Gottesstaat sind. Der Frauen für ein zweitklassiges Übel hält, die man leider auch einladen muss, wenn sie blöderweise Olympia gewinnen. Weil sie eigentlich in die hintere Hälfte des Busses gehören. Genau wie im Iran.





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Die Outtakes (15): schlecht alternde Schwänze, ein verstrahlter Vater und ein verpasster Urlaubstraum

Illustration: Richard Corben - Splitter Verlag

Fantasy mit Schlenkerschwanz


Verdacht bestätigt: Richard Corben ohne Autor ist schwer erträglich. Dabei liegt vor mir das unbestrittene Meisterwerk des Kult-Zeichners aus den 70ern, nämlich „Den“, gerade erst neu aufgelegt. Ein schmächtiger Kerl fällt durch irgendein Dimensionstor und findet sich als nackter Muskelmann mit Schlenkerschwanz (vorn, nicht hinten) in einer seltsamen Welt wieder. Die Ungewissheit ist noch das Beste an der Story, und sobald dieses Rätsel gelöst ist, gibt’s nur noch Sätze, die so platt sind, dass jeder Pfannkuchen hochalpin wirkt. Optisch hingegen ist alles da, was das Fantasyherz begehrt, Nackte, Monster, Waffen, Gewalt, alles in abenteuerlich psychedelischen Farben. Kleiner Nachteil: die Nackedeis sind meist näher an Robert Crumb als an Neal Adams oder Frank Frazetta. Aber die Zahl von Corben-Fans ist Legion, und die können sich nicht alle irren, oder?

 

Rechts überholt

Illustration: Ika Sperling - Reprodukt

Tja, „Der große Reset“ war Max-und-Moritz-Preis-Kandidat 2024. Und das Thema ist auch gut: Was tun, wenn Familienmitglieder in die Verschwörungsschwurbler-Ecke abdriften? In diesem Fall ist es Vati. Seine Frau und die arbeitslose Tochter sind in die Resignation abgetaucht, und die studierende Tochter auf Heimatbesuch wird erst wieder aufatmen, wenn sie abfährt. Ika Sperling bringt viele hübsche Ideen unter: Im Auto kullern Bierdosen in jeder Kurve von Seite zu Seite, Vater ist nur noch ein durchsichtiger Geist auf Abruf, und aus banalen Details wie dem Anlegen des Rucksacks holt sie eine hübsche kleine Ein-Frau-Choreografie. Das Hauptproblem ist, dass die Zeit Sperlings Ansatz überholt hat: „Der große Reset“ ähnelt dem, was Comics zu Themen wie „Depression“ oder „Autismus“ tun. Aber deren Probleme sind weniger bekannt, wohingegen fast jeder inzwischen einen kennt, der sich in die Idiotie verabschiedet hat. So bleibt eine Geschichte die gut lesbar und ansehnlich ist, aber letztlich den hilflosen Normalgebliebenen nicht wirklich weiter hilft.

 

Furchtbar weit und furchtbar ernst

Illustration: Nicolas de Crécy - Reprodukt

Oh Mann, das ist schade, „Transit Visa“ klang so vielversprechend urlaubsreif: Zwei Jungs um die 20 fahren in den 80ern einen schrottreifen Citroen Visa quer durch Europa seinem Ende in der Türkei entgegen. Was mich sofort getriggert hat:

TRANSIT 1979. Foto: Comicverfuehrer.com

Denn 1979 saß ich selber neben meiner Schwester hinten in einem Citroen DS, fuhr mit den Eltern quer durch die Türkei, die schon kurz hinter der Küste nichts mehr mit dem Touristengebiet zu tun hatte. Aber meine Nostalgie bedient Nicolas de Crécy leider kaum: Zeichnerisch könnte er es zwar, aber erzählerisch ist er zu beschäftigt damit, sich philosophisch in den Nabel zu schauen. Dazu kommt, dass weder Land noch Leute die Jungs damals interessierten und de Crécy daher schnell das Material ausgeht. Drei Bände hat er im Original gefüllt, zusammen sind das jetzt 400 Seiten, in denen er mit wenigen Ausnahmen praktisch jede hübsche Optik unter humorarmen Grübeleien begräbt. Aber: Für Liebhaber dauerrauchender Franzosen, die sich furchtbar ernst nehmen, ist das womöglich die passende Geschichte.

 

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