- 14. Juli 2024
Große Kunst aus kleinen Zutaten: Mikael Ross verquirlt Berliner Randgruppen in „Der verkehrte Himmel“ zu einem höllisch guten Blockbuster-Comic

BOAH!
Das. Ist. HEISSER. SCHEISS.
Absolute „Lola rennt“-Kategorie: ein Actionthrillercomedydrama, erzaubert aus total unglamourösen Zutaten. Extrem lustig, extrem spannend, zugleich thematisch so brandaktuell, dass eigentlich alle Alarmglocken scheppern. Weil all das so überehrgeizig klingt, dass es nur noch in die Hose gehen kann. Oder sogar muss! Aber dann kommt Mikael Ross mit „Der verkehrte Himmel“*.
Jonglieren mit acht Bällen
Ross ist noch immer kein sehr voll beschriebenes Blatt. „Der Umfall“ war exzellent, aber eine Auftragsarbeit mit vorgegebenem Thema. „Goldjunge“ widmete sich Beethovens Jugend, auch das gibt eine historische Struktur vor. „Der verkehrte Himmel“ hingegen ist komplett auf Ross‘ Mist gewachsen. Und das ist, als jongliere jemand erst mit zwei und auch drei Bällen, und jetzt schlagartig mit acht.

Ein Parkplatzmarkt. Tam und Dennis kaufen ein, Dennis ein überteuertes Metal-Shirt und ein Fleischerbeil, seine jüngere Schwester schrottige Inline-Skates, mit denen sie sofort gegen einen schwarzen Van knallt. Im Van: eine junge Frau, die nicht raus kann, aber Dennis das Beil durchs spaltoffene Schiebedach abkauft. Der Van fährt davon, zu einer Tankstelle. Ein Mann geht zur Kasse. Die Frau im Van zerschmettert die Heckscheibe, rast davon. Der Mann verfolgt sie. Schon diese Einstiegsszene ist richtig gut konstruiert: Slapstick (Tam lernt skaten), Sitcom-Dialoge (Bruder-Schwester, Geiz, der dämlich-schön-ulkige Beil-Deal), und alles kippt schlagartig zum Actionthriller.
Zappliger Riese als Blickfang

Und das, obwohl die Szene superstill beginnt: Durch die Augen der Frau sehen wir eine zapplige, luftbetriebene Werbe-Riesenfigur, immer in dem absurden Moment, in dem kurz der Luftstrom abreißt und die Figur grotesk zusammensackt. Die Actionsequenz dagegen: Bewegungen, die vor Energie strahlen, rasante Einstellungen, die geschickt das nutzen, was ein Panel leisten kann – etwa das Auge des Lesers unter dem Arm des Verfolgers hindurch auf die junge Frau zu lenken, die entfernt über einen Zaun klettert. Genau dieses geschickte Zusammenfassen und Verdichten macht diesen Comic so aberwitzig gut.


Was einen vor allem deshalb so unerwartet umhaut, weil die Themen so unsexy sind. Es geht, man ahnt es vielleicht, um Menschenhandel (Downer). Tam wird sich um die junge Frau kümmern, und um beide zusammenzubringen, wird Ross den Jungen Alex einführen, der Agent/Schauspieler werden will und alle mit seiner Drohne nervt (alleinerziehende Eltern, Schlüsselkind, Downer!). Die Ex-Schauspielerin Doris, die in einem Gartenhäuschen wohnt (Altersarmut, Alkoholismus, Downer!). Marina, die sensible Kickboxerin, die sich ausgerechnet in Dennis verliebt hat (Frau mit Problemen, Downer!). Die „Rollergirlz“, ein aufgekratztes Mädeltrio, von dem Tam gerne Skateunterricht hätte. Dennis pornosammelnder Freund Götz, die (real existierende Benennung der) Hans-Rosenthal-Schule (Holocaust, Downer), die Metalband „Slayer“ und Tams und Dennis Leben als Kinder vietnamesischer DDR-Einwanderer (Migration, Downer!). Das KANN doch einfach nicht funktionieren!
Ruppig deftig, prustend komisch
Aber Ross führt alles davon mit einer Leichtigkeit ein, dass einem der Kopf schwirrt. Indem er einfach das Berlin nimmt, das er vorfindet. Tam und Dennis sind nicht „Achtung! Achtung!“-Vietnamesen, sie sind’s einfach so wie andere Leute Linkshänder. Alles ist eigentlich extrem politisch – aber zugleich extrem unpolitisch konsumierbar. Selten war Schweres so leicht. Was auch daran liegt, dass Ross mit seinem Personal außergewöhnlich robust umspringt. Die Dialoge sind ruppig, deftig, gerade unter den Jugendlichen rücksichtslos, sehr häufig prustend komisch. Um im nächsten Moment zur härtesten, schnellsten, spannendsten und zugleich komischsten Verfolgungsjagd zu abzukippen, die ich von einem deutschen Comic-Zeichner kenne.

Am meisten verblüfft aber, wie viele Varianten der Comic-Kunst dieser Mikael Ross beherrscht – und wie gut, wie souverän, wie komplett er ist. Erstklassige schnelle, freche Dialoge, abwechslungsreiche Perspektiven, Situationskomik genauso wie Situationstragik, statische und mobile Körper-Beherrschung, Blickführung, Licht und Schatten, Charakterentwicklung, geschickte Nutzung von Haupt- und Nebenrollen. Gerade die Nebenrollen reichert Ross dabei mit unterhaltsamen Details derart an, als müsste er sie für Schauspieler attraktiv machen: Ross arbeitet hier wie ein echter Regisseur, aber zum Vorteil der Leser.
Realität vs. Happy End
Das Ende verrate ich natürlich nicht, auch wenn man ahnen kann: Für ein richtiges Happy End müsste Ross die Gegebenheiten verbiegen, und dazu ist ihm die Realität als Bezugsgröße zu wichtig. „Der verkehrte Himmel“ geht auch deshalb so nahe, weil alles darin sofort denk- und nachvollziehbar ist. Und wer prüfen will, ob Ross auch noch ein guter Vorleser ist, hat am Donnerstag um 19 Uhr in München die Chance dazu.
*
Anmerkung zwecks Transparenz: Der Deutsche Literaturfonds (dessen Vorjury zu einem Fünftel aus mir besteht) hat (unter anderen) diesen Band gefördert. Doch anders als etwa bei Buchpreisen sehen wir bei der Entscheidung kein fertiges Produkt, sondern nur einen Entwurf.
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- 21. Jan. 2024
Sandra Rummlers cleveres DDR-Memoir „Seid befreit“ eröffnet einen neuen Blick auf vertraute Mechanismen und die Migrationskrise

Also, vorsichtshalber: Sandra Rummler zeichnet in „Seid befreit“ ihre Protagonisten eher plakativ-naiv, also gar nicht toprealistisch, und – wie? Das stört Sie nicht? Weil man sich schnell dran gewöhnt? Ja, dann lass ich natürlich die Vorwarnerei und sage: Rummlers Band ist nicht nur ausgesprochen ansehnlich, sondern – bei aller Nostalgie – auch unerwartet aktuell.
Bedrohliche Luftpost
Auf den ersten Blick erzählt die Berlinerin vor allem ein geschickt designtes DDR-Memoir. 1976 wurde sie in einem Land geboren, das 1989 verschwand – im Sinne der meisten Bewohner. Einen der Hauptgründe illustriert Rummler mit starken Bildern (deren Wirkung der knappe Text noch unterstreicht): Auf ihrer Seite der Berliner Mauer ist die Welt grau, heruntergekommen und so langweilig, dass bereits eine Postkarte an einem Luftballon eine Attraktion ist. Sie liest sie, schreibt arglos zurück und muss sich prompt rechtfertigen, als eine westdeutsche Antwort im Briefkasten landet.

Warum sich Staat und linientreue Eltern sorgen, weiß jeder aus dem Intershop, wo es für Westgeld Westprodukte gibt. Dort herrscht bunter, sauberer Überfluss. Im DDR-„Konsum“ dagegen „roch es muffig und die Regale waren nur halb gefüllt.“ Möglich, dass im „Konsum“ Profit tatsächlich nicht an erster Stelle stand. Aber die Bürger offenbar noch viel weniger. Eben das machte Westpost zur Staatsgefahr.
Das Leuchten! Die Farben!
Die Wochen nach dem Mauerfall sind aufregend und bunt. Rummler zeigt die Attraktionen unscharf, aber dafür deren Leuchten und Farben umso brillanter. Obendrein bietet gefühlt jede Wand neue Graffitis, Freiheit und die Lust, sie auszuleben. Ein Happy End, sollte man meinen. Aber schon bald sind die Westler zunehmend genervt von den überall glotzenden Ossis. Ihnen wird klar, dass die Neuen Routinen und Hackordnungen durcheinander bringen. Als Sina in eine Schule im Westteil der Stadt kommt, wird sie wegen Kleidung, Benehmen und Dialekt als Ossi erkannt und gemobbt.

Hintergrund ist natürlich, dass der Westen allmählich merkt, dass die DDR-Integration Geld kosten wird. Helmut Kohl redet von blühenden Landschaften, aber viele Wessis rufen Sina und ihren Freundinnen lieber zu: „Geht da hin, wo ihr herkommt!“ und – Moment mal.
Sind solche Sätze vielleicht gar nicht nur für Syrer, Libanesen, Ghanaer reserviert? Sondern schlicht für jede Gruppe, die in größerer Zahl neu ankommt? Und vielleicht mal was klaut? Denn auch Sina und ihren Freundinnen fehlt Geld für die schöne neue Warenwelt, weshalb sie zur Selbsthilfe greifen. Waren etwa Helmut Kohls „blühende Landschaften“ am Ende nichts anderes als Merkels „Wir schaffen das“? Und wenn das alles so ähnlich ist – wie haben wir dann damals diese Krise gelöst? Mauern hochgezogen? Anreize gestrichen? Die Leute hinter Zäunen eingepfercht? Nicht? Sondern?
Vertriebene, Spätaussiedler, Migranten
Laut Statistik haben wir 1,75 Billionen Euro ausgegeben. Und nehmen in Sachsen, Thüringen & Co inzwischen jährlich rund 60 Milliarden Euro allein an Landessteuern ein. Rentiert sich also, wie 1945. Da nahm Westdeutschland acht Millionen Heimatvertriebene auf, Schlesier, Sudetendeutsche und etliche mehr. Die ungeliebt waren, weil sie Wohnungen brauchten, heulheulheul, und heute? Rentierrentierrentier. Unter Helmut Kohl wurden in den 90ern zwei Millionen Spätaussiedler eingesammelt, wieder wohnungslos, wieder blöd, heulheulheul, und heute? Was die Migrationsproblematik zwar nicht beseitigt, aber doch stark relativiert.

Frau Rummler ist auch nirgendwohin abgeschoben worden (wohin auch?), sondern geblieben. Sie malt und zeichnet heute spannende Stadtansichten (gucken Sie mal hier), ist Grafikerin und macht eben auch sehr gute Comics, die in einem Verlag verlegt, in einer Druckerei gedruckt, im Buchhandel verkauft werden. Da haben alle was davon, sogar Nicht-Comicleser, die kriegen nämlich Steuern. Was bleibt, ist das Heimweh der Einwanderer, von dem auch Sina nicht verschont bleibt: „Manchmal würde ich gern meine Heimat besuchen“, schreibt Rummler mit einem nostalgischen Blick in die letzten verbliebenen, vertraut-verlotterten Hinterhöfe. „Mir in der Bäckerei ein Makronentörtchen holen, Softeis am Bahnhof essen, Maracuja-Limo im Konsum kaufen.“
Und wieder: kein Unterschied zum Iraker, Afghanen, wem auch immer.
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- 18. Jan. 2024
Die Outtakes (10): Zuviel Rührseligkeit im Meer, zu wenig Logik im Mord und nicht genug Witz in den Muskeln

Die Farben des Schreckens
Erstaunlich, oder? Inzwischen genügt allein die Kombination aus Meerblau und Alarm-Orange, dass jeder sofort das Thema „Flüchtlinge“ vor Augen hat. In Adrian Pourviseh schildert nun ein weiterer Autor mit „Das Schimmern der See“ die unhaltbaren Zustände im Mittelmeer. Was teils exzellent gelingt: Die Praxis professioneller Retter schildert er präziser und eindringlicher als andere Versuche, zudem liefert er ein Update zu den seit 2017 eingetretenen Veränderungen hin zum Idiotischen/Unmenschlichen. Weniger hilfreich in diesem semijournalistischen Erfahrungsbericht ist allerdings Pourvisehs Neigung zur Rührseligkeit. Denn auch hier gilt: Die Leser schniefen umso weniger, je mehr der Autor selber schnieft.
Mimose mit Mord-App

Kaum vorstellbar brutal kommt der Thriller „A Righteous Thirst For Vengeance“ (zu deutsch: Ein aufrichtiger Rachedurst) daher. Der Start ist hervorragend, geradezu „Spiel mir das Lied vom Tod“-Qualität: Wir folgen (wortkarg und ausführlich) dem dicklichen, mittelalten Sonny, der durch den Regen mit dem Bus zu einem einsamen Haus fährt: Dort findet er ein totgefoltertes Paar. Das ist langsam und grandios inszeniert, sehr überraschend. Aber dann beginnt der Unfug: Sonny hinterlässt (nach Stunden im Regen) blutige Fußabdrücke? Er hat Zugang zu einer Mord-App, die Aufträge und Mörder verbindet, ist aber trotzdem ständig überrascht, dass er auf Leichen stößt? Das legt nahe: Szenarist Rick Remender und Zeichner André Lima Araújo haben Lust auf große Effekte – aber nicht darauf, deren Entstehung überzeugend herzuleiten. Daher finden sich auch immer wieder in den Szenen logische Fehler. Und daher braucht auch der Superkiller ein besonders ausgefeiltes Tötungsritual. Das ist so durchschaubar, dass aus einem Thriller, der mehr hätte sein können, letztlich nicht mehr wird als ein solide inszenierter Gewaltporno.
Kopflose Augenkunst

Richard Corben war für mich immer geiler Fantasyscheiß. Das Cover von Meat Loafs Album „Bat Out Of Hell“, Motorräder, Muskeln, Action, ordentlich realistisch gezeichnet, ahh, Kunst, die nicht anstrengt! Comics von ihm hatte ich nicht in der Hand, bis jetzt: „Murky World“ ist Teil des Spätwerks des 2020 verstorbenen 80-Jährigen. Optisch ist es erstaunlich satirisch, die jeweils achtseitigen Kapitel aus einer Fantasywelt strotzen vor skurrilen Gestalten, denen die Dummheit oft geradezu aus Mund, Augen und Ohren trieft. Weshalb sie oft mehr an Robert Crumb erinnern als an Meat Loafs Muskelbiker. Dazu gibt's absurde Welten, einfallsreich inszeniert, gutes Licht, das Auge fühlt sich wohl. Der Kopf leider nicht: Die Geschichte mäandert ziellos immer weiter vor sich hin, denn Corbens Dödeln und Dödelinnen fehlen Pointen, es gibt weder was zu Fürchten noch was zu Lachen und so fängt man leider irgendwann an zu blättern. Ich muss wohl mal was anderes von ihm ausprobieren. Möglichst und sicherheitshalber mit einem anderen Autor.
