- vor 21 Stunden
Die Outtakes (36): Mit 1 Schwätzer in der Hölle, 1 Horror ohne Schrecken und 1 ungünstig befüllten Schublade

Gelassenes Bad im glühenden Pool
Kommt ein Motivations-Guru in die Hölle. Klingt lustig? Ist es auch – vielleicht. Denn hin gehören sie da ganz zweifellos, Heilsversprecher, Kryptoclowns, Abzocker, Betrüger wie Ismael Posta, der gelackte Held des Bandes „Willkommen in Pandemonia“: Der erstickt an einer Cocktail-Olive und fährt mit dem Expresszug zum Teufel. Anfangs ist das sehr reizvoll, diese satirische, von Diego Agrimbau entworfene und von Gabriel Ippoliti umgesetzte Horror-Fantasy-Opulenz, die sich vor Ort als nervtötende Bürokratie entpuppt. Aber alle Torturen scheitern an Postas Billigsprüchen, und jetzt entscheidet sich’s für Sie: Akzeptieren Sie das? Dass Posta ungerührt im Glüh-Pool sitzt, obwohl alle anderen es nicht ertragen? Warum ist ausgerechnet der Schwätzer, der es sich zeitlebens leicht gemacht hat, plötzlich so superleidensfähig? Bei den „Simpsons“ klappt das Prinzip, weil der Teufel sich für Homer die falsche Folter ausdenkt: endlos Donuts. Agrimbau/Ippoliti haben übersehen, dass diese Story eine anders arbeitende Hölle bräuchte, und das versemmelt mir leider den Witz. Aber wenn Sie sagen: Mir wurscht, für mich geht das auch so in Ordnung, dann winkt Ihnen ein seelenheilloses Vergnügen.
Schwebender Waldfisch

Gerade wird Daria Schmitts verführerisch aussehender Band „Der Totenkopf aus Schweden“ angekündigt, und ich denke mir: Warum eigentlich nicht reingucken? Dann fällt mein Blick auf den ähnlich attraktiven Vorgänger „Das Traumbestiarium des Mr. Providence“. Der auch schon alles hatte, was neugierig macht: Ein Sonderling in einem schwarz-weißen Wald, in dem gigantische Fische schweben, sieht das nicht aus wie Poe und Lovecraft und alles? Aber während all das optisch innen tatsächlich stattfindet, jede Menge weitere seltsamer Tiere in wunderlichen Größen und Farben durchs Bild huschen, hebt die Story nicht und nicht und immer noch nicht ab. Verschrobene Figuren kommen und gehen, wunderliche Szenen auch, doch Schmitt gewinnt daraus weder Spannung noch Grusel noch Horror noch Humor. Tatsächlich wäre viele Bilder wie der bizarre Wald aus Augen effektiver, würde Schmitt nichts dazuschreiben. Aber leider quatscht sie dann doch dauernd rein. Und ich denke: Ach ja, deshalb.
Erdrückendes Vorbild

Katharina Greve ist in eine ungeeignete Schublade geraten: die der Cartoonistin. Warum? Weil ihr großartiges „Hochhaus“ so handlich war, als Tageshäppchen und im Stück konsumierbar. Greves Stärken: Design, Vielseitigkeit und das Finden einer Form, die Tragik, Komik, Wunderliches verarbeiten kann. Die Süddeutsche, die politische Cartoons so fachkundig betreut wie ChatGPT die Realität, fehlschloss daraus, Greves Stärke sei „kurz und bissig“ und machte ihr ein Angebot, das kaum ein Comic-Künstler in Deutschland ablehnen könnte. Aber die Pflicht zum Witz ist nicht ihr Ding. Wie der neue Band „Meine Geschichten von Mutter und Tochter“ belegt. Gedacht als Hommage an E.O. Plauens Cartoonserie „Vater und Sohn“, arbeitet Greve sich am erdrückenden Vorbild ab. Die modernisierte Optik überzeugt sofort, doch genauso spürt man die Mühe bei der Suche nach Pointen. Zehn, elf Panels braucht sie oft, etwa für den Insektenhotel-Gag, der dann allenfalls Mainzelmännchenlevel erreicht. Mehrere Themen variiert sie doppelt, den Bildschirm-Gag gleich viermal, das fällt auf bei insgesamt nur 42 Strips. Von denen gerade die ruhigeren zeigen, wie gut Greve ist – sobald sie eben nicht am Witzefließband stehen muss.
Sie wollen Ihren Senf dazugeben? Dann hier:
- 9. Dez. 2017
Schenken, klar. Comics, logisch. Aber: welche? Sieben Tipps für die Klischeefamilie - und alle, die ganz anders sind.
Was ist der schönste Moment an Weihnachten? Genau, der 27. Dezember, wenn jeder seine Ruhe hat. Dann kann man sich's bequem machen, die Welt leckt einen am Arsch und alle lesen die Comics, die Sie verschenkt haben. Ach so, das ist natürlich blöd für Sie selber. Da hilft nur: Sie verlinken diesen Artikel und schicken ihn an drei gute Freunde, die möchten, dass Sie's am 27. auch schön haben.
Für Vati (will seine Ruhe)

Vati heult, weil er 50 wird und der neue Asterix nicht mehr so ist wie früher? Dem Mann kann geholfen werden: Der Avant-Verlag hat „MacCoy“ ausgegraben. Den Zeichner Antonio Hernandez Palacios kennt Vati noch von „El Cid“ und „Manos Kelly“, aber „MacCoy“ ist nur kurz erschienen, als Vati sich schon mehr für Mädels interessiert hat. Jetzt, wo Vati wieder Zeit für Comics hat, freut er sich, weil es mehr von dem guten alten Zeug gibt, das er noch versteht: Explosive Action aus sensationellen Perspektiven, weite Landschaften, dass einem die Augen übergehen, und ganz nebenher den besten Pferdezeichner wo gibt. Geschenk überreichen, Glühwein daneben stellen, nicht mehr stören.
Für Mutti (will das Richtige tun)

Altern, Zeit und Vergänglichkeit liegen im Trend. Das kommt denen entgegen, die’s gerne etwas ernsthafter haben. Grade erst empfohlen hab ich dazu Yelin/Steinaeckers "Der Sommer ihres Lebens", immer wieder empfehle ich Roz Chasts "Können wir nicht über was anderes reden", unverdient unbehandelt blieb bislang Paco Rocas „La Casa“. Drei Geschwister besuchen nach dem Tod ihres Vaters sein Wochenendhäuschen, erst einzeln, dann miteinander. Sie probieren, das Haus weiterzuführen – aber ohne den Vater ist es nicht dasselbe. Und jetzt? Verkaufen? In seinem Sinne erhalten? Ist es sinnvoll, das Leben aller Verstorbenen in sein eigenes mit zu überführen? Was gebietet der Anstand, was will die Sehnsucht, was wünscht man sich selbst? All das verhandelt Roca in wunderschönen spätsommerlichen Bildern, die einem den Sonnenschein unter den Weihnachtsbaum zaubern. Sehr treffend, sehr versöhnlich, harmonisch, aber nie harmlos.
Für Opas und Omas (wollen Recht haben)

Sie hätten gern alles heute so wie es früher war. Aber genauso gut, und zwar besser. Kein Problem, dafür hat uns der liebe Gott Lewis Trondheim geschenkt. In „Mickey’s Craziest Adventures“ (keine Angst, Text ist deutsch) hat sich der Starautor mit Zeichner Keramidas Micky Maus und Donald Duck vorgeknöpft. Es ist alles wie immer: Micky und Goofy, Minnie, Donald, Dagobert und Daniel Düsentrieb – und doch ist auch alles anders. Die Geschichte ist Slapstick in doppeltem Tempo, nochmal beschleunigt durch einen erzählerischen Trick: Angeblich handelt sich’s um eine ganz alte Comic-Serie, von der leider nicht mehr alle Seiten erhalten sind, weshalb man mal eben übergangslos von Folge 18 zu Folge 21 katapultiert wird. Liebeserklärung, Persiflage, Nostalgie, alles in einem, wenn man Vorwissen mitbringt. Doch davon haben Opa und Oma ja jede Menge.
Für die noch unkomplizierte Tochter (will Prinzessin werden)

„Der kleine Nick“ ist ja als guter Franzose nun schon ein paar Jahre im Ruhestand. Und so viel in seinen Abenteuern auch heute noch funktioniert, so viel ist leider auch komplett überholt. Aber es gibt adäquaten Ersatz: „Esthers Tagebücher“ von Riad Sattouf. Wobei „Ersatz“ stark untertrieben ist: Während der kleine Nick sich nur über die Welt der Großen wundert, kann Esther nebenbei ihre Welt so gut erklären, dass sich den erwachsenen Lesern beim Lachen zugleich ein etwas gruseliger Blick auf die künftige Gesellschaft eröffnet. Der erste Comic seit langem, den man wieder seinen Kindern schenkt, um ihn sich schnellstmöglich selber auszuborgen!
Für die nicht mehr unkomplizierte Tochter (will nicht Mutti werden)

Geschichten, in denen sich Mädchen in junge hübsche Vampire verlieben, sind einfach herzustellen, aber Stories, in denen sich das Mädchen in eine Mumie verliebt? Geht das überhaupt? Das geht und ist sogar herzerwärmend niedlich und verschroben komisch: Dafür bürgt das Skript von Joann Sfar. Die verführerische Optik hingegen stammt von Emmanuel Guibert, der die gediegen-würdevolle Atmosphäre des alten London mit einem sagenhaften Gespür für Bewegungen, slapstickhafte Action und Situationskomik durcheinanderwirbelt. So bildschönen Unsinn gab’s von ihm seither nicht mehr: Die „Tochter“ stammt immerhin schon von 1997. Aber für Mumien ist das natürlich praktisch brandneu.
Joann Sfar/Emmanuel Guibert, Barbara Propach (Üs.), Die Tochter des Professors, Bocola Verlag, 14,90 Euro
Für den Sohn (will das was alle Jungs wollen)

Mit dem Moped durch die Gegend heizen, flotte Sprüche liefern, Monstern den Kopf wegballern und Mädels angucken: Das klingt wie Material für furchtbaren Trash, aber Thomas von Kummant und Benjamin von Eckartsberg haben daraus in „Gung Ho“ eine richtig gute Coming-of-Age-Saga gebastelt. Fleischfressende Monsteraffen haben die Welt überrannt, die Menschheit rettet sich in befestigte Dörfer, wo die Kids sich eingliedern sollen und lieber rebellieren. Das Ergebnis überzeugt, weil die zwei Vons Action, Erotik, Optik und Dialog nicht blind durcheinander schmeißen, sondern punktgenau und sausouverän einsetzen. Da freut sich der Sohn auch später drüber, wenn Möpse nicht mehr die Hauptsache sind.
Für rundum alle

Mit dem „Hochhaus“ bin ich ja nie recht klargekommen, aber: Was weiß schon ich? Der Webcomic wurde nicht nur von zahlreichen Kollegen gelobt, in Erlangen hat man ihn auch mit dem Max-und-Moritz-Preis als besten Comic ausgezeichnet. 102 Wochen lang hat Katharina Greve je ein Stockwerk dazugezeichnet, manche Episoden beziehen sich aufeinander, manche sind eigenständige Tages-Cartoons. Wer mag, kann das „Hochhaus“ jetzt als Buch verschenken, ich empfehle hier aber explizit: den Rollcomic, der die endlose Scrollfunktion des Internets kongenial in eine durchgehende, ungeschnittene Papierversion übersetzt. Und beim Durchrollen sind mir die zahllosen Wohnungs- und Kücheneinrichtungen aufgefallen, die liebevollen, grellbunten Tapetenvariationen, und die vielen Details machen das „Hochhaus“ auch für Skeptiker wie mich absolut sehenswert…
Dieser Text erschien erstmals bei SPIEGEL Online
