- 15. März
Berührende Trostlosigkeit: Craig Thompsons „Blankets“ gewährt Einblicke in die christlich-fundamentalistischen Ecken der USA

Es ist ein ziemlicher Brocken. Was nicht heißt, dass ich „Blankets“ schlecht finde, im Gegenteil. Aber: Wer ständig unter dem „Graphic-Novel“-Begriff auf einen dicken, gediegenen, epischen, ernsthaften Comic hofft, sowas wie „Krieg und Frieden“ mit Sprechblasen, der könnte mit diesem 2003 erstmals erschienenen Klassiker richtig glücklich werden. Und ich bin davon viel überzeugter als von Craig Thompsons zuletzt erschienenen „Ginsengwurzeln“.
Bruderkrieg im Bett
Was daran liegt, dass sich in „Blankets“ Thompson zwar auch mit seiner Geschichte befasst, aber konzentrierter, schlüssiger, berührender. Und die Geschichte ist zweifellos scheußlich-gut: Thompson wächst mit seinem jüngeren Bruder im ländlichen Wisconsin auf. Seine Familie ist arm, sie lebt in einem heruntergekommenen Haus, und die Brüder müssen sich ein Bett teilen, das im Sommer brüllheiß, im Winter bitterkalt ist. In der Schule ist Craig, der weder Markenhosen noch sonstwas Schickes kennt, ständig der Außenseiter. Aber nicht nur einfach, sondern gleich doppelt.

Denn seine Eltern sind ultrareligiös und erziehen ihre Kinder auch so. Das ist letztlich der Knackpunkt. Denn: Es gibt ja auch Geschichten von armen Kindern, die recht glücklich aufwachsen. Doch es ist diese erdrückende, allgegenwärtige Religion, die Craig in permanenter Unsicherheit hält. Die Jungs leben nicht nur in ständiger Angst Fehler zu machen, sondern Sünden zu begehen. Und das Leben hier dauert nur ein Fingerschnippen, wohingegen die Hölle EWIG lodert. Derart verkorkst wird man in der Schule zum idealen Mobbingopfer.
Hackordnung im Christencamp
Perfiderweise ist das unter Christen nicht anders: Auch in christlichen Feriencamps, lernt Craig, gibt’s statt brüderlicher Liebe stinknormale Hackordnungen, angeführt von den beliebten Kids. Und Gott hält sich fein raus. Obwohl: Craig findet ausgerechnet hier sein Erweckungserlebnis, die wunderschöne Raina. Die er dann im Winter zwei Wochen lang besuchen darf. Eigentlich ist schon das ein richtiges Wunder.

Denn nicht nur seine Eltern erlauben es. Auch Rainas Eltern, die gleichfalls Christen sind, allerdings grade in einer Scheidung begriffen. Die Ehe ist am Hund, vielleicht auch, weil sie – um Gott für ihre zwei gesunden Töchter zu danken – beschlossen, gleich zwei behinderte Kinder auf einmal zu adoptieren. Vati ist verzweifelt, Mutti schluckt Pillen – Raina ist erstaunlich belastbar geblieben und führt, durch die Betreuung ihrer Halbgeschwister gestählt, den leicht tranigen Craig ein wenig mehr in die reale Welt ein. Es wird viel geredet, auch geknutscht und sogar einmal recht ernsthaft gefummelt.
Die Unmöglichkeit, sich zu verzeihen
Wie’s weitergeht? Sag ich nicht, aber es ist dringend lesenswert. Denn der grüblerische Craig nervt einerseits so sehr wie er andererseits rührt. Und man lernt etwas mehr über diese stockkonservativen Kreise in den USA, die behaupten, die Erde sei 6000 Jahre alt, praktisch frisch gemacht vom lieben Gott. Der uns zwar das Untenrum geschenkt hat, aber nicht will, dass wir hinfassen oder hinschauen oder drüber reden. Mehr über diese allgegenwärtige Verlogenheit und Selbsttäuschung, von der man kaum mehr loskommt. Denn obwohl es Thompson schafft, sich von den Extremisten zu lösen, es bleiben Macken. Dieses permanente Niedergedrücktsein von einer unglaublichen Schuld wegen – irgendwas. Diese Unmöglichkeit, sich selbst zu verzeihen. Diese tiefe Überzeugung, nicht liebenswert zu sein, allenfalls tragbar, und auch das nur bei Erreichen der Vollkommenheit. DAS hat Gott sicher nicht gewollt.
Craig Thompson, Claudia Fliege (Üs.), Blankets, Reprodukt, 39 Euro
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- 9. Nov. 2025
Joe Sacco, Alt- und Großmeister des Comic-Journalismus, erklärt an einem indischen Glaubenskonflikt, wie Polit-Hetzer weltweit die Demokratie spalten

Man muss mit Joe Sacco politisch nicht übereinstimmen, aber rein handwerklich dürfte in seinem neuen Band „Indien“ jedem Reporter das Herz aufgehen. Weil Sacco immerhin weiß, wie Journalismus geht. Diesmal ist er in der Region Uttar Pradesh unterwegs, auf den Spuren der Unruhen im indischen Muzzafarnagar 2013, bei denen über 60 Menschen starben und Zehntausende Muslime vertrieben wurden.
Saccos Grundkurs Journalismus
Sacco hat das Land ein Jahr später besucht, und was hatte er dabei? Richtig: eine präzise Fragestellung. Sacco wollte nicht einfach mal schauen, wie's da so ist oder was da wer sagt oder wie sich wer fühlt. Er wollte auch nicht einfach mal dahininfluencen, was er so zu irgendwas meint. Oder wer gerade wen zerstört. Er wollte wissen, welche Narrative sich ein Jahr nach der Katastrophe bei den beteiligten Volksgruppen verfestigt hatten.

Ganz kurz: Worum geht's? In Uttar Pradesh leben nicht nur Hindus (hier in Form der Gruppe der Jats), sondern auch nach wie vor eine Menge Muslime. Den Jats gehört meist das Land, die Muslime sind in der Mehrheit besitzlose, aber dringend benötigte Feldarbeiter. Das Zusammenleben klappte recht lange akzeptabel und vor allem gewaltfrei. Die blutigen Unruhen von 2013 folgten aber auf eine lange Reihe wechselseitiger Provokationen.
Die Täter sind beim Beten, die Opfer gar nicht da
Ein Jahr nach dem Vorfall entdeckt Sacco vor allem eine Menge Lügen. Beide Seiten haben zur Gewalt beigetragen, und beide Seiten fühlen sich verfolgt und haben nie etwas Schlimmes gemacht. Als Jats auf dem Weg zu einer Versammlung in einem muslimischen Ort von den Dächern mit Ziegelsteinen beworfen werden, waren die Steine nicht da oder nur klein, geworfen haben allenfalls Frauen und Kinder und die Männer waren grad alle beim Beten in der Moschee.

Als die Jats später die Moslems vertreiben, waren laut Jats eigentlich sowieso keine Moslems da, wenn sie doch da waren, sind sie freiwillig gegangen, und wenn Jats beim Beschleunigen dieser Freiwilligkeit über die Stränge geschlagen haben sollten, dann waren diese Jats fremde Jats von irgendwo anders. Und die ganzen Moslems, die vom Staat Entschädigungen möchten, haben nie ein Haus verloren und sind alle Betrüger, die vorher selbst anderen die Häuser angezündet haben. Sacco hört zu, glaubt wenig, bestaunt von Moslems abgefackelte Häuser ohne Brandspuren und sucht dann mühsam Zeugen und Beweise für tatsächlich Geschehenes. Aber warum erscheint sein Comic jetzt, zehn Jahre später? Warum Indien?
Die Mechanik der Spaltung
Weil man als Westler weniger betroffen ist und daher unvoreingenommener hinsieht als bei sich selbst zuhause. Denn Sacco sieht dieselben Mechanismen überall auf der Welt. Den Versuch, eine Bevölkerung so gründlich zu spalten, dass man mit der eigenen, eingeschworenen Minderheit die Macht übernehmen kann. Demokratie ist zwar für Kompromisse gedacht, eignet sich aber auch fürs Lagerdenken. Man könnte etwa zwischen Hindus und Moslems einen Ausgleich suchen, aber das System belohnt auch und womöglich noch mehr, wenn man die Gegenseite zur tödlichen Bedrohung hochstilisiert. Allgegenwärtig etwa ist bei Sacco die Erzählung vom „Liebes-Dschihad“.

Dieser Legende zufolge wollen Muslime Frauen bekehren, schwängern, Kinder kriegen, um die Macht zu übernehmen: Was man sofort als örtliche Variante der „Bevölkerungsaustausch“-Panik erkennt, die weltweit Hassheizer von AfD bis Trump verbreiten (obwohl derlei bisher vor allem deren eigene Geistesverwandte von Milosevic bis Hitler planten und umsetzten).
Profit durch Unversöhnlichkeit
Sacco zeigt so, wie sie funktioniert, die Bewirtschaftung der Unversöhnlichkeit. Die in der Version für Fortgeschrittene den „Trick“ beinhaltet, der Gegenseite möglichst solche Stiche zu versetzen, die sie unmöglich verzeihen kann – was in Israel die Hamas in Reinform vorgeführt hat und danach die Rechtsausleger der israelischen Regierung formvollendet zurückliefern.

Tatsächlich lässt sich das aber in Indien „entspannter“ aufdröseln als in Palästina, nicht zuletzt für Sacco selbst, der vor einem halben Jahr der 36-Seiter „War On Gaza“ rausbrachte. Darin findet sich weniger Analyse und vor allem Fassungslosigkeit, mit einer – angesichts des israelischen Vorgehens zunehmend nachvollziehbaren – Schutzhaltung für Otto Normalpalästinenser.
Die Profiteure des Konflikts
Aber gerade weil Sacco da schon die indischen Erfahrungen im Kopf gehabt haben muss, wundert man sich, warum er im Gaza-Comic nicht die Erklärung findet: Dass der Konflikt davon lebt, dass auf beiden Seiten Leute vom Konflikt profitieren und den Frieden verhindern. Dass dort wie in Indien die Lösung im Unvorstellbaren liegt, eben im Verzeihen des Unverzeihlichen. Weil ihm – wie der englische Titel des neuen Comics beweist – klar ist, wie die Alternative aussieht: Der heißt nämlich nicht „India“, sondern „The once and future riot“. Weil ohne Verzeihung in jedem Aufruhr schon der nächste steckt.
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- 2. Mai 2024
Die Outtakes (14): Wanderer aus Norwegen, Kommunisten aus Schweden und Miesepeter aus dem Reich der Tiere

# metoo
Das Thema „Jakobsweg“ scheint seit Hape Kerkelings „Ich bin dann mal weg“ (2006) immer weiterzugehen. Comiczeichner Jason liefert jetzt mit „Ein Norweger auf dem Jakobsweg“ seine Version dieser Mischung aus Wandern, Selbstfinden und Fasten, und die unterscheidet sich von den ganzen anderen Jakobswandereien erstaunlich wenig. Man muss sich jeden Morgen den Weg erst suchen, weil er so gut/schlecht beschildert scheint wie viele andere Wanderwege. Man begegnet auf den Etappen immer denselben Leuten, nämlich denen, die etwa im selben Tempo unterwegs sind. Und den Langsameren, die man ein-/überholt. Die Dialoge ähneln und wiederholen sich und obwohl Jason das mild-ironisch thematisiert, wird es allein dadurch noch nicht komischer. Und durch den trockenen, schwarz-weißen Stil kommt auch die möglicherweise hübsche Landschaft nicht recht zur Geltung. Aber wer weiß, wenn man das alles selbst mitgemacht und dreizehn andere Bücher dazu gelesen hat, dann wälzt man sich vielleicht am Boden und japst: „Irre! Genauso isses!“
Bepoppte Eigenheime

Schweden in den 70ern. Ulrik und Siv sind verliebt. Siv hat zwei Kinder und steckt noch in einer faden Ehe. Ulrik ist überzeugter Betonkommunist. Kann das gutgehen? Ich will's nicht verraten, aber ich vermute: Je älter Sie sind, desto eher liegen Sie richtig. Was ich sagen kann: Das betrübliche Szenario von Anneli Furmarks „Roter Winter“ ist präzise beobachtet. Die bürgerliche Fassade, die kommunistische Fassade, nichts davon gibt Halt oder Hoffnung. Und Siv grübelt recht treffend über die schwedische Kleinhäuschenlandschaft, dass es womöglich „nur eine Sache gibt“ die das Ganze „am Laufen hält: Dass die Paare darin miteinander schlafen. ... Wenn sie damit aufhören, stehen die Häuser zum Verkauf. An ein Paar, das noch miteinander schläft.“ Bei allem gekonnten Trübsinn hat mich die Geschichte dann zum Schluss doch noch gekriegt. Warum dann Outtake? Vor allem, weil ich mir ein bisschen mehr Erkenntnis für heute erhofft hatte. Scheinheilige politische Sturköpfe in einer wunderlichen Gesellschaft hat die Realität ja ausreichend zu bieten.
Zuckerlieb

Es gibt was Neues von Josephine Mark, der „Trip mit Tropf“erin. Also, teilweise, weil sie den „Bärbeiß“ nur gezeichnet hat, der Text stammt von Jutta Bauer und Annette Pehnt. Die Geschichten sind relativ simpel: In einem asterixniedlich geratenen Dorf leben lauter nette Tiere und das harmoniesüchtige Tingeli. Dann zieht der Bärbeiß ein, in Miesepeter, der alle anraunzt und am liebsten daheim bleibt. Das Tingeli nimmt sich seiner an, und knackt natürlich die harte Schale. Klingt nett, ist aber nicht umwerfend: Schuld ist ein Konstruktionsfehler. Während nämlich das Tingeli so schön unerträglich zuckerlieb ist, weil es Streit nicht erträgt, ist der Titelheld bärbeißig, weil… hm, einfach so. Anders als bei „Trip mit Tropf“ bilden beide keine Zwangsgemeinschaft, sondern könnten die Bemühungen genauso gut einstellen, grade der Bärbeiß käme damit gut klar. Aber: Ist das Kindern wichtig? Da entscheiden vermutlich eher Optik und Lacher, bei beiden kann „Der Bärbeiß“ ordentlich punkten.
Annette Pehnt, Jutta Bauer (Text), Josephine Mark (Zeichnungen), Der Bärbeiß, Kibitz Verlag, 15 Euro
