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Die Outtakes (37): Mit 1 autobiografischen Nahtoderfahrung, 1 dämonischen Ziege und 1 gefrühstückten Prediger

Der Tod sieht hübsch aus. Also: Der Nahtod in Frenk Meeuwsens „Rufus“. Ein nicht mehr ganz junger Vater, mehr 50 als 40, lebt mit seinem niedlichen Sohn und seiner Frau und kriegt einen Herzinfarkt. Das war’s im Prinzip schon. Meeuwsen arbeitet autobiographisch, „Rufus“ ist praktisch das Sequel zur Vaterschaft vor vier Jahren. Gut ist er immer dann, wenn ihm berührende oder absurde Momente gelingen: Die pragmatische Herangehensweise seines Sohnes an die Sterblichkeit etwa, oder die abgedrehten Welten, in die Koma und Narkose seine Realität umformen. Aber dennoch ist die Story recht erwartbar: Vati wird krank, kommt in die Klinik und wieder heraus – da fehlt noch was, nicht wahr? Oder geht das nur mir so? In Heiner Lünstedts kaffeelosem Comic-Café hab ich gelernt, dass Meeuwsen das Narkose-Erlebnis offenbar sehr überzeugend wiedergibt. Das mag sein, aber dann kann ich's (noch) nicht beurteilen.
Geil und verhext

Dass man bei Sole Oteros Graphic Novels ein bisschen zum Reinkommen braucht, hab ich schon bei „Napthalin“ gemerkt, und auch, dass man einige ihrer klobigen Figuren leicht verwechselt. Aber aus „Napthalin“ habe ich mehr mitgenommen als aus dem neuen Band „Hexenkunst“, obwohl der eigentlich geiler ist, wortwörtlich. Die Argentinierin Otero erzählt aus verschiedenen Zeitebenen und Blickwinkeln die Geschichte eines Hexentrios, das Frauen medizinisch-magisch hilft und Männer zum Erhalt der eigenen Kräfte (und einer dämonischen Ziege) benutzt. Das ist mal gruselig, mal deftig-skurril, mal bedrohlich, also lauter prima Geschmacksrichtungen, die aber leider kein Ganzes ergeben, weil man beim Lesen zu beschäftigt ist: mit dem Sortieren der Infos. Wenn ein Spanner seinem Kumpel von den merkwürdigen Orgien erzählt, die er da im Hexenhaus beobachtet, geht das noch. Aber wenn in einer Episode eine junge Internet-Einsiedlerin, die seit Jahren nicht mehr vor die Tür geht, via E-Mail vom Tierarzt ihrer Katze angebaggert wird, ungeschickt, weil der Tierarzt eine komplizierte Familie hat, nämlich eben die drei Hexen – sehen Sie, das dauert lang, bis man schnallt, dass es gar nicht um die Verhuschte geht, sondern um den Doc, und das bremst ziemlich aus. Andererseits: Wenn’s denn mal klappt, klappt es recht gut.
Der Standard der 50er

Ein Comic kann Komplexes veranschaulichen. Warum Reiche reich sind und Arme arm, beispielsweise. Er kann aber auch Vorträge halten wie jemand, der keinen Clown gefrühstückt hat, sondern einen Prediger. Was exakt das Problem der Comic-Version von „Eine kurze Geschichte der Gleichheit“ ist. Erschwerend hinzu kommt linke Betriebsblindheit: Wer vom eigenen Rechthaben so überzeugt ist, dass alles von selbst einleuchtet, vermittelt nicht mehr und liefert statt Karikaturen ärgerliche Klischees. Im Wortsinne, weil hier die Reichen und Industriellen wieder mal feist sind und sogar beim Squash-Spielen noch T-Shirts mit Zylindern drauf tragen. Da ist’s nicht mehr weit bis zu Melone und Zigarre, den kapitalistischen Standard-Attributen der 50er. Selbst wenn die Analysen zutreffen: sie kommen als mäßig spaßiges Info-Cartoon-Konvolut daher, das als Sachtext möglicherweise griffiger wäre. Dazu müsste man aber das Buch von Thomas Piketty kennen.
