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Comicverfuehrer

Witzig, spannend, klug durchdacht: Wie Benjamin Flao rund um einen kleinen Jungen ein perfektes Kenia-Abenteuer strickt

Illustration: Benjamin Flao - Schreiber & Leser
Illustration: Benjamin Flao - Schreiber & Leser

Kürzlich habe ich hier von Benjamin Flaos „Auf dem Wasser“ geschwärmt. Das Schöne: Stöbert man in Flaos Vergangenheit, findet man sogar etwas noch Besseres: die Zwei-Band-Angelegenheit „Kililana Song“. Die obendrein im immer mehr herumdüsternden Winter besonders lesenswert ist, weil sie im sonnigen Kenia spielt. Jajaja, sofort der Gedanke: „sonniges Kenia“ – darf man denn so touristisch-sorglos...? Eins nach dem anderen, erst mal: Worum geht’s?


Schulschwänzer als Fremdenführer


Flao hat in Kenia und Eritrea einige Zeit verbracht. Seine Beobachtungen und Unterhaltungen hat er zu einer charmanten Erzählung verrührt. Und wie er das macht, ist immer wieder so gekonnt, dass man sich die Augen reibt.

Illustration: Benjamin Flao - Schreiber & Leser
Illustration: Benjamin Flao - Schreiber & Leser

Drei Szenen leiten die Story ein. A) Ein Schiff bleibt nachts mit Maschinenschaden vor Kenia liegen. Als die Cops nachfragen, wirft der Kapitän rasch Schmuggelgut über Bord. B) Ein Einsiedler wacht in seiner Hütte auf und fährt mit einem Boot weg. C) Die Hauptfigur, der kleine Naim, drückt sich vor der Koranschule und flitzt seinem religiösen Bruder Hassan davon. Jede Szene zeigt Flao in Topform.

Illustration: Benjamin Flao - Schreiber & Leser
Illustration: Benjamin Flao - Schreiber & Leser

Das Schiff: bei Nacht im Mondlicht, großartiges Meer. Die Dialoge des Kapitäns: schnell, rüde, knapp, zynisch – nicht zuletzt lustig. Der Einsiedler: Still, geweckt von einem Huhn, das in seine Hütte gackert, augenzwinkernd, aber nicht spöttisch, in großzügigen Panels. Und Naims Flucht: mitreißend, zugleich illustriert sie für den Leser Naims kleines Heimatdorf, und seine knappen, frechen Gedanken machen den Zehnjährigen mit der Strickmütze sofort sympathisch.


Arm, aber nicht elend


Wir bleiben zunächst bei Naim. Wir sehen, wie er sein weniges Geld verdient, wen er im Ort trifft. Das erinnert in seiner Beiläufigkeit an „Aya aus Youpogon“. Flao spitzt die Handlung kaum zu, weil er weiß, dass diese Welt für sich interessant genug ist. Welche Drogen man nimmt, wie Naim bei seiner Tante wohnt, was man isst, die Boote im kleinen Hafen, die Touristen, alles wird zur Story, die sich um Naim rankt. Der arm ist, aber nicht im Elend lebt, der auch Spaß hat, wenn er Brettspielern im Café auf den Kopf spuckt.

Illustration: Benjamin Flao - Schreiber & Leser
Illustration: Benjamin Flao - Schreiber & Leser

Eine frische, immer leicht ironisch gebrochene Geschichte, bei der man erst gar nicht merkt, was für eine Rarität sie ist: Kürzlich hat ja Comic-Historiker Alexander Braun in Ausstellung und Katalog bei den Black Comics festgestellt, dass es garnicht sooo viel aus rein schwarzer Perspektive oder mit schwarzen Protagonisten gibt. Und hier: eine aufgeweckte, rasante Erzählung, unbefangen und deutlich unblutiger als Matthias Schultheiss’ „Haie von Lagos“. Darf man das, als Weißer?


Mehr als eine Exotik-Schote?


Verboten ist es nicht. Die bessere Frage wäre vielleicht: Macht Flao mehr draus als eine Exotik-Schote wie das „Traumschiff“? Touristisiert er sich die (real existierende) Öko-Idylle Lamu so zurecht wie deutsche TV-Krimis Istanbul, wo Zuschauer inzwischen verhaftete Oberbürgermeister ausblenden müssen? Antwort: nein. Allerdings zieht er erst in Teil Zwei die dramatischen, politischen Schrauben so richtig an.

Illustration: Benjamin Flao - Schreiber & Leser
Illustration: Benjamin Flao - Schreiber & Leser

Gewalt, Korruption, der Ausverkauf des Landes an China und überhaupt jede Art von Investor, hier spielt die spannende Kinderstory definitiv nicht mehr auf einer Insel der Seligen. Nicht im Vortragsmodus, sondern mit harter Action, scharfen Dialogen und weiterhin extrem bildgewaltig. Höhepunkt: Eine der besten Schiff-im-Sturm-Sequenzen, die ich je gesehen habe, da tastet man aufm Sofa nach dem Rettungsring...


Comic-Granate für den Baumpapst


Kleiner Fun-Fact zum Schluss: Beide Titel, „Auf dem Wasser“ und „Kililana Song“ sind vermutlich nicht Flaos deutsche Topseller. 2023 kamen die Franzosen auf die Idee, den Wald-und-Welt-Bestseller „Das geheime Leben der Bäume“* vom deutschen Baumpapst Peter Wohlleben zum Comic umzufunktionieren. Das hat er tadellos gemacht, der Titel erschien auch auf Deutsch, aber ich nehme an: kaum jemand (inklusive mir) hat gemerkt, welche Comic-Granate sie da für den Baumpeter organisiert haben!


* Der Korrektheit halber: Den Wohlleben-Comic hat die Frau übersetzt, die mit mir in der Wohnung wohnt.



Illustration: Benjamin Flao - Schreiber & Leser
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Vielzeichner, Klassiker, Szenarist: Aus Hugo Pratts Archiven lässt sich's gut wiederveröffentlichen. Doch der Altmeister bleibt dreifach Geschmackssache

Illustration: Hugo Pratt/Héctor Oesterheld - Schreiber & Leser
Illustration: Hugo Pratt/Héctor Oesterheld - Schreiber & Leser

Hugo Pratt ist zweifellos einer der großen Namen, insbesondere für viele Leute, die schon ein paar Jahresringe unter den Augen haben. Wer den 1995 verstorbenen Vater von „Corto Maltese“ eher spät entdeckt, kann darüber manchmal etwas ins Grübeln kommen. Aber das ist ja das Spannende, wenn eher unbekannte Titel des Vielschreiberzeichners neu erscheinen. Man nähert sich ihnen unvoreingenommener als beim sakrosankten „Corto“ – und hofft auf Lesen wie früher. Wie derzeit bei den Bänden „Cato Zulu“,  „El Gaucho“ und „Sgt. Kirk“. Klappt der Zeitsprung zurück?


Abenteuer, ungefiltert


Von der ersten Seite weg steht schon mal fest, dass ich „Cato Zulu“ auf jeden Fall gern in die Finger gekriegt hätte, als ich jünger war. Thema ist die Kolonialzeit in Ostafrika, deren Spannung/Dramatik sich in den 80ern noch genauso unhinterfragt als Abenteuerszenerie genießen ließ wie der Wilde Westen. Zudem gibt’s eine Menge Info- und Hintergrundmaterial, Landkarten, Fotos der Beteiligten, alles, was Seriosität signalisiert.

Illustration: Hugo Pratt - Schreiber & Leser
Illustration: Hugo Pratt - Schreiber & Leser

Die Bilder sind ohnehin erfreulich, obwohl auch jungen Leser auffallen kann, dass Pratt schon mal detaillierter gezeichnet hat. Aber die Weite Afrikas verzeiht vieles, zudem sind Waffen, Uniformen, furchterregende ausstaffierte Krieger mit ihren Schilden im Übermaß vorhanden, es wird gekämpft, gestorben, Abenteuer ohne Karl-May-Film-Filter. Aber wer älter ist, merkt rasch: Erzählerisch ist auch der Pratt von 1984 keine Offenbarung.


Fluchen wie Sam Hawkens


Das fängt bei Dialogen an, die Bildinhalte doppeln, bei denen Leute noch als „Höllenhunde“ charakterisiert werden und man gern Flüche ausstößt, als wäre man mit Käpt’n Haddock oder Sam Hawkens unterwegs, wenn ich mich nicht irre. Oft wirkt es auch, als würde nur was gesagt, damit mal wieder Sprechblasen befüllt werden.


Illustration: Hugo Pratt - Schreiber & Leser
Illustration: Hugo Pratt - Schreiber & Leser

Dann kriegt man lieblose Ja-Nein-egal-Debatten wie diese hier: „Wir müssen eingreifen!“ – „Wir sind viel zu wenige!“ – „Vorwärts, Attacke!“ Oder einen über zwei Seiten hinweggedehnten minderlustigen Kacka-Dialog. Was den Spaß dann schon erheblich reduziert, weil man eine gewisse Lieblosigkeit spürt. Beim deutlich älteren „Sgt. Kirk“ ist das anders.


Feiner getuscht, besser choreographiert


Den Sergeanten hat der Argentinier Héctor Oesterheld für Pratt in den 50er Jahren verfasst. Und Oesterheld hatte erzählerisch einen größeren Ehrgeiz: Er wollte eine gebrochene Figur haben, einen Sergeanten, der seit 20 Jahren in der US-Kavallerie dient und nach einem Massaker an den Tchatooga den Sinn seiner Arbeit in Frage stellt.

Illustration: Hugo Pratt/Héctor Oesterheld - Schreiber & Leser
Illustration: Hugo Pratt/Héctor Oesterheld - Schreiber & Leser

Pratt tuscht hier oft etwas feiner, er gibt sich auch mehr Mühe mit unterschiedlich großen Panels, Vorder- und Hintergründen, Perspektiven und besser choreographierten Kämpfen. Allerdings führt das hohe Produktionstempo (Pratt selbst sprach von 500-600 Panels pro Woche) oft auch zu Weißanteilen, die einige meiner Kunstlehrer eher bequem gefunden hätten.


Held mit Gewissen


Oesterheld gibt seinem Helden auch bessere Konflikte: Kirk desertiert, als ein Indianerstamm „ausradiert“ werden soll und flieht zu exakt jenem Stamm, den er einst blutig überfiel. Es wird über die Berechtigung der Gewalt der Weißen diskutiert, ohne den Konflikt mit einem billigen Spruch zu entschärfen.

Illustration: Hugo Pratt/Héctor Oesterheld - Schreiber & Leser
Illustration: Hugo Pratt/Héctor Oesterheld - Schreiber & Leser

„Sgt. Kirk“ wird so zu einem actiongeladenen, aber dabei recht anspruchsvollen Erlebnis – und das in den 50er Jahren, als die Kinoleinwände weltweit noch voller böser Rothäute waren. Tatsächlich klappt hier die Sache mit dem alten Lesevergnügen auch deshalb, weil Oesterhelds Voice-Over in einem heimelig veralteten Präteritum erzählt: Es entschleunigt, versachlicht, klingt zugleich ein bisschen langweilig und doch erstaunlich passend. „Sgt. Kirk“ eignet sich zur Comic-Zeitreise besser, mit allen Vor- und Nachteilen.

Aufwändig erzählt, leichte Porno-Präferenz


Illustration: Milo Manara/Hugo Pratt - Splitter Verlag
Illustration: Milo Manara/Hugo Pratt - Splitter Verlag

Erstaunlich zwiespältig altert „El Gaucho“, eine jetzt wiederveröffentlichte Kooperation der Altmeister Milo Manara und Hugo Pratt aus dem Jahr 1991. Erstaunlich, weil, so vieles eigentlich heute nicht mehr geht in dieser Story um einen jungen englischen Soldaten und eine Handvoll irischer Huren samt ihrem wendungsreichen Weg ins umkämpfte Buenos Aires Anfang des 19. Jahrhunderts. Zum Beispiel die schönfärberische Freude, mit der die irischen Huren ihrer Tätigkeit nachgehen. Und überhaupt der Voyeurismus, der Manara ‘91 immer wieder aus dem Zeichenstift rutscht wie die Brüste seiner Darstellerinnen aus dem Dekolletée: ein Erbe der 68er, in denen Pornografie als Reaktion auf die 50er nachvollziehbarer war. Acht Jahre vorher, im „Indianischen Sommer“, hatte Manara das noch besser unter Kontrolle. Erstaunlich, weil sich bei allem Kopfschütteln auch viel Versöhnliches findet: Die aufwändig erzählte Geschichte mit viel Zeitkolorit, grandiosen Ansichten von Sümpfen, Segelschiffen, Städten. Viel Action, tragenden Nebenrollen für Schwarze und Körperbehinderte, all das tempo- und ideenreich inszeniert. Weshalb man um so mehr staunt, wenn sich bei dieser Ernsthaftigkeit dann doch immer wieder unmotiviert irgendwelche Schenkel öffnen. Die Zeitreisefähigkeit von „El Gaucho“ ähnelt der von „Sgt. Kirk“, aber die Höhen und Tiefen sind extremer.

 





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  • 30. März 2025

Alexander Brauns „Black Comics“: 400 Seiten über schwarze Künstler und Figuren – empörend, ermutigend, atemberaubend interessant

Illustration: Hugo Pratt - German Academy Of Comic Art - Panini
Illustration: Hugo Pratt - German Academy Of Comic Art - Panini

Heute gibt’s wieder mal ein Buch über Comics, von Alexander Braun. Heißt: Dick, aber nicht schlimm, weil sich die Masse an Informationen in „Black Comics“ unterhaltsam liest. Was wichtig ist bei 400 Seiten, die sich diesmal (ergänzend zur gleichnamigen Ausstellung) dem schwarzen Comic widmen. „Schwarz“ bedeutet dabei beides: Mit schwarzen Charakteren, aber auch von schwarzen Künstlern. Beides ist selten – und heikel.


Zeitgemäß im Wandel der Zeit


Warum? Erstens: Fällt Ihnen auf Anhieb eine schwarze Comicfigur ein? Zweitens: Ist diese Comicfigur dann auch zeitgemäß verarbeitet? Und „zeitgemäß“ bedeutet hier ja auch immer öfter: Unserer Gegenwart angemessen, nicht unbedingt der Gegenwart der Entstehung. Was ist zum Beispiel mit Franklin, der einzigen schwarzen Figur der „Peanuts“? War die okay, ist sie es noch oder nicht oder wie oder was?

ERSTER SCHWARZER SERIENHELD: PORE LIL MOSE BESUCHT EDISON        Illustration: Richard F. Outcault - Panini
ERSTER SCHWARZER SERIENHELD: PORE LIL MOSE BESUCHT EDISON Illustration: Richard F. Outcault - Panini

Weil die Beantwortung solcher Fragen nicht einfach ist, schwoll Brauns Buch von geplanten 200 Seiten auf die doppelte Menge an. Das Erfrischende: Es wird nie akademisch, ist zugleich streitlustig, provokativ, sachlich und nicht zuletzt – empathisch. Denn tatsächlich kämpft Braun diesmal gleich doppelt: Für die oft vergessenen Verdienste des unterschätzten Mediums – und für Elemente, die im Bemühen um Diversitätsgerechtigkeit wieder vergessen werden sollen. Aber bevor man den Überblick verliert: Geht's nicht vor allem um Comics?


Raritäten im Giftschrank


Das ist nicht so leicht zu trennen: Das Medium ist doppelt weiß geprägt. Ende des 19. Jahrhunderts machten weiße Zeichner die Comics – wie Braun bereits schilderte – in Tageszeitungen zum Megaseller. Sie experimentierten erzählerisch und künstlerisch, wurden reich und zu einer Elite. Das Aufkommen billiger Comichefte in den 30ern/40ern hingegen war stark geprägt von Außenseitern, aber eben keinen schwarzen, sondern meist von jungen Juden. Es gibt darum gar nicht so viel schwarzes Personal und Material, und von dem wenigen soll auch noch einiges heute in den rassistischen Giftschrank. Brauns These: nicht immer zu Recht – und zur Untermauerung muss er ausholen. Brauns Ausholereien sind allerdings zuverlässig eine Lesefreude.

ZWEITVERWERTUNG, AUS WEISS WIRD SCHWARZ .    Illustration: John Rosenberg - Panini
ZWEITVERWERTUNG, AUS WEISS WIRD SCHWARZ . Illustration: John Rosenberg - Panini

Das liegt nicht zuletzt an der üppigen Bebilderung. Nicht nur beim Comic-Material buddelt Braun Originale und gelungene Beispiele aus, auch wenn er den US-Rassismus dokumentiert. Er umgeht hundertmal gesehene Fotos, hält so wach, und seine Schilderungen lassen unmöglich kalt. Gerade dieses Vorgehen macht es dann auch so bedenkenswert, wenn Braun etwa Unterschiede beim Blackfacing erörtert.


Sorgsam aufgedröselt


Moment mal – gibt’s die denn? Ist Blackfacing, das früher praktizierte Schwarzschminken weißer Schauspieler, nicht per se schlimm? Braun sagt: Nein. Der Unterschied liegt darin, ob man Blackfacing betreibt – oder jemanden beim Blackfacing zeigt. Wie etwa Micky Mouse in einem Kurzfilm über „Onkel Tom’s Hütte“. Eine Satire von Comicfiguren über die boomende und fragwürdige Theaterverwertung des antirassistischen Romans: Braun dröselt sauber die unterschiedlichen Ebenen auf, denn – der Film gilt mittlerweile als Giftschrankmaterial.

SCHWARZ-WEISSES BUBENDUO „BLONDIN ET CIRAGE“              Illustration: Jijé - Panini
SCHWARZ-WEISSES BUBENDUO „BLONDIN ET CIRAGE“ Illustration: Jijé - Panini

Auch wenn man zwischendurch manchmal zweifelt: Braun argumentiert stets am Comic entlang. Die blutige Kolonialgeschichte des Kongo, die schwer erträglich bebilderten Greuel der Belgier führen zu Hergés „Tim und Struppi“, die sich derart rassistisch durch Afrika hindurchoberlehrern, dass einem himmelangst wird. Die Geschichte des Ku-Klux-Klan führt wiederum zum Belgier Jijé, der nicht nur in seinem Western „Jerry Spring“ das Thema aufgriff, sondern schon 1939 mit der Serie „Blondin et Cirage“ ein gleichberechtigtes schwarz-weißes Buben-Duo schuf. Was ist Rassismus, was nicht? Was war früher mal fortschrittlich? Unermüdlich sortiert und argumentiert Braun, zitiert Fachleute (inkl. Einordnung ob afroamerikanisch oder nicht), serviert dazu Facts und Funfacts, und hier kommt man langsam zu dem einen Punkt, an dem man ihn dann doch tadeln kann, womöglich sogar muss.


Die Sache mit den Fußnoten


Denn Braun liefert weder ein vollständiges Literaturverzeichnis noch Fußnoten. Wenn er also beispielsweise feststellt, dass ein Viertel (!) der US-Cowboys schwarz war, glaube ich ihm zwar – kann’s aber weder nachschlagen noch nutzen, weil ich weder einen Beleg habe noch wüsste, wo ich suchen muss. Das ist mehr als ärgerlich, auch weil es Braun und seiner Sache schadet: Er macht ja seine fulminante Arbeit vor allem, um Dinge vorm Vergessen zu bewahren. Zur wissenschaftlichen Überprüfung/Auswertung seiner scharfen Beobachtungen, Analogien und Argumentationen wären Quellen und Literaturangaben jedoch Voraussetzung. Sein Vorgehen wirkt allerdings sofort weit angemessener, sobald Braun ins Stöbern kommt.

Illustration: Jack Kirby/Stan Lee/Joe Sinnott - Marvel Entertainment - Panini
Illustration: Jack Kirby/Stan Lee/Joe Sinnott - Marvel Entertainment - Panini

Da übernehmen dann die zahlreichen Bildbeispiele die Belegpflicht. Militärcomics, in denen die Druckerei schwarze Soldaten einweißte, weil sie lieber an einen Irrtum bei der Farbgebung glaubte als an die gleichberechtigte Abbildung. Das allmähliche Auftauchen schwarzer Superhelden, schwarzer Menschen in Romantik-Comics, pädagogische Comics für schwarze Beteiligung, Positives, Negatives, erstaunlich Kritisches aus dem „Simplicissimus“, Braun gräbt aus, Braun bildet ab, vertieft, und alle Details und Nebeninfos, die ihm im Fließtext verloren gehen, schaufelt er manisch-akribisch in die oft blockstarken, aber immer lesenswerten Bildunterschriften.


„Intellektueller Eiertanz“


„Intellektueller Eiertanz“ nennt Alexander Braun das Ergebnis ironisch-selbstkritisch, aber tatsächlich liefert er weit mehr: Nachvollziehbare Kriterien für die Suche nach einer jeweils angemessenen Bewertung und zugleich eine Grundlage für einen sachlichen Streit, der zielführender ist als das vollautomatische Ankreiden von Wörtern oder Schreibweisen.

Foto: Charles Harris - Carnegie Museum Of Art - Panini
Foto: Charles Harris - Carnegie Museum Of Art - Panini

Und dennoch, so bedauert er, passte nicht alles rein: Charles M. Schulz' Franklin etwa. Zu dem und seiner Entstehung findet sich allerdings einiges bei Wikipedia, sogar mit Quellenangaben. Da dürfen Sie sich dann, alexanderbraungeschult, selbst eine Meinung bilden.



Die Ausstellung zum Katalog ist noch bis 11. Mai 2025 zu besichtigen, gratis und praktisch: Am Dortmunder Hauptbahnhof raus, ca. 73,4 Meter über den Königswall schlurfen und hinein in den Schauraum comic + cartoon.




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