- 14. Juni
Zweimal packt die Französin Magali Le Huche heiße Eisen an, aber nur einmal funktioniert's: Warum der Text bei Comics so wichtig ist

Was predige ich jedes Mal wie eine tibetanische Gebetsmühle? Für die Comicqualität ist das Szenario wichtiger als die Zeichnung. Weil gute Szenarien auch mäßige Zeichnungen vertragen, die besten Zeichnungen aber kein schlechtes Szenario retten, sondern allenfalls aufhübschen. Zeichnung macht schön, Szenario macht gut. Und das kann man gerade gut zeigen: An Magali Le Huche, die derzeit zwei Comics am Start hat.
Es geht um die Wurst

Magali Le Huche, Jahrgang 1979, zeichnet lockere Figuren, ein bisschen kommerziell, aber nicht zu konventionell – man nimmt sie gern in die Hand. Noch lieber, wenn das Thema vielversprechend ist: Sie hat sich „Die kleinen Königinnen“ vorgenommen, einen Roman von Clémentine Beauvais, der spannenden Zündstoff verspricht.
Mobbing, Hater: heiße Themen stark vereinfacht
Drei Mädchen werden im Schulchat online zu den hässlichsten Würsten des Jahres erklärt. Wir sind beim Thema Mobbing, Hatespeech, Soziale Medien, lauter wichtige Sachen also. Aber so dringend ich mir gute Comics zu diesem Thema wünsche – die „kleinen Königinnen“ gehören nicht dazu. Weil alles so grauenhaft simplifiziert daherkommt.

Denn statt sich mit dem realen Problem zu befassen, weicht der Roman lieber auf ein fantastisches aus: Die Wurstwahl wird hier zum Medienevent, vor dem sämtliche Behörden kapitulieren, weil es „im Internet“ stattfindet (als würde jeder zusehen, wie 50.000 Leute es liken, dass Minderjährige fertiggemacht werden). Und der Ausweg: Die drei Würste beschließen nach Paris zu radeln, zur Präsidentin, und plötzlich jubeln ihnen alle zu. Das ist schlichtweg Bullshit.

Sollen alle Opfer von Online-Hass sich zu Objekten des Online-Jubels mausern? Wie man seit dem „Drachengame“ weiß, sind Hater kaum umzupolen. Und bei der frechen Mireille klappt das ja auch nur, weil’s Autorin Beauvais so will. Tatsächlich läuft derlei aber anders ab: im (geschlossenen?) Klassen- oder Schulchat, mit so wenig Aufmerksamkeit, dass kein Hahn und kein Präsident danach kräht. Nein, eine Präsidentin auch nicht. Radeln ist hier keine Lösung, und dagegen kann Magali Le Huche nicht anzeichnen. Das Ergebnis ist fröhlicher Quatsch, der sich Phantasieauswege zurechtträumt, mehr nicht.
Jetzt wird's persönlich

Für den zweiten Band hat Magali Le Huche das Szenario selbst entwickelt, auch weil es sie selbst betrifft: In „Punk mit Brust“ setzt sich Le Huche mit ihrer Brustkrebserkrankung auseinander. Und prompt gelingt ihr das sehr, sehr gut.

Der Unterschied liegt im Szenario, und der Vorteil ist, dass man für dieses Szenario nicht zaubern muss. Es hat Hand und Fuß, weil die Krankheit die Geschichte vorgibt: die sorglose Zeit, die Diagnose, die Ängste, die OP. Nie käme Le Huche hier auf die Idee, eine rettende Präsidentin einzubauen. Sie bleibt bei der Realität, und die stellt Le Huche eine Aufgabe, für die ihre Zeichenkunst ideal ist.
Berührung als Schlüssel
Denn man will so einen Comic nicht einfach runtererzählen. Man möchte den Leser und noch mehr die Leserin berühren, auch dann, wenn sie bislang weder mit der Erkrankung noch mit Erkrankten zu tun hatten. Für diese Berührung braucht man Bilder, und das ist ein Job für Le Huche. Jetzt, wo das Konzept passt, kann die Zeichnung mehr als übertünchen, sie kann glänzen. Le Huche findet eine Menge guter Bilder.

Der namensgebende Punk ist dabei nicht mal das Beste: Die Schiene des mutmachenden Joe Strummer bleibt mir fremd, weil ich kein Clash-Fan bin. Aber ich sehe natürlich ein, dass die von Le Huche (und mir) vielgeliebten Beatles zu gutgelaunt sind für mutmachenden Krawall gegen die ungerechte Krankheit, da ist stärkerer Stoff angebracht. Und wie Le Huche in sich hineintaucht , als sie vor der Diagnose in ihren suspekt gewordenen Körper hineinhorcht, das ist schon ziemlich gut.
Der Körper im Schlepptau
Die schwarze Wolke der Angst, oder das seltsame Bild, den Leib separat von sich zu betrachten, was darin mündet, dass Le Huche ihren operierten Körper auf einem Rollwägelchen hinter sich herzieht – wie auch ihre Leidensgenossinnen. Deren Schicksale Le Huche ebenfalls streift, damit klar wird, dass Brustkrebs unterschiedliche Formen annehmen kann und unterschiedlich therapiert wird.

Manchmal wirkt das Ganze einen Hauch zu mutmacherisch, aber das kann man angesichts des Themas kaum tadeln: zum Verzagen braucht man keinen Comic zeichnen, die häufig gegenwärtige Schwarze Wolke mit allen Ängsten macht das mehr als deutlich. Unterm Strich liest sich der Band trotz des schweren Stoffs erstaunlich leicht, er nutzt geschickt den Kampf um Leben und Tod und hat trotz vieler Informationen nichts Ratgeberhaftes. Stimmt der Text, dann klappt's auch mit dem Comic.
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- 21. Dez. 2025
5 Mangas in 5 Minuten (Finale): Mit 1 Messer im Kopf, 1 Gruselklinik, 1 Dreier, 1 Grünstich und Kuchen statt Brot

Die Rache des Opfers
Zwiespältig, aber eigen: In „Pumpkin Night“ bricht ein einst gemobbtes Mädchen aus der Psychiatrie aus und tötet – maskiert mit einem Kürbiskopf – die früheren Mitschüler. Kritisieren kann man daran allerhand: Die Konstruktion ist etwas hölzern (wie auch die Zeichnungen), das Mobbing etwas platt (wg. Sprachfehler, Fröhlichkeit). Und die Rachemorde sind irrsinnig detailliert dargestellt, da fahren Messer durchs Auge ins Hirn, da wächst kein Gras mehr. Trotzdem: die Erzählung ist cleverer als erwartet. Die Rückblenden geben den Grausamkeiten der Mobber genauso viel Raum wie dem Opfer/Monster selbst. Und man kann sagen, dass dadurch in den besten Momenten die Gewaltexzesse von heute auch die Tiefe der Verletzungen, die Häme der Mobber von einst illustrieren, die dem Mädchen etwa Knallfrösche in die Kürbismaske stopften. Schade ist, dass die Rechnung nicht durchgehend aufgeht. Aber um mit dem Weisen Jim Steinman zu sprechen: Two out of three ain’t bad.
5000 Liegestütze

Ganz so leicht ist es eben doch nicht: Man nehme superviel Gewalt, solide Horroroptik, bizarre Dystopie und eine Prise Wehleidigkeit, stecke alles in einen Sack und prügle darauf ein, raus kommt – „Lili-Men“. Auf Seite 1 werden schon arg verhungerte Gestalten in einer Klinik aus Schläuchen ernährt. Regelmäßig untersuchen Krankenschwestern sie auf ihre „Gesellschaftstauglichkeit“. Alle entwickeln Superkräfte und werden als tauglich entlassen, nur nicht Nito, obwohl er täglich 500mal liegestützt. „Was soll ich denn noch tun?“, fragt er, Antwort: „Mach 5000 Liegestütze.“ Machte er eben 5000. Hilft auch nix. Heulheul, ich habe gehört, außen gibt es Brot und Katzen zum Streicheln. Das wird auch so erzählt, pitsch-patsch-knall-auf-fall, jetzt geh ich in den Keller, huch, da sind die Entlassenen ganz spinnenmäßig eingewebt, und die Krankenschwester ist ein spooky Alien und jetzt hat Nito auch Superkräfte (warum? egal), dann wird Nito zerhackt und lebt aber weiter. Unfreiwillig komisch, ja, aber alles andere als lustig.
Drei sind einer zuviel

Lust auf eine hübsche Harmlosigkeit? Das tut ja manchmal ganz gut. Hier empfiehlt sich Shinoas „There Is No Love Wishing Upon A Star“. Ein sehr zart gezeichnetes, extrem mildes Drama, wo drei einer zuviel sind. Wir haben zwei Mädels und einen Buben, Mädel 1 liebt Mädel 2, aber Mädel 2 hat sich dazu entschlossen, mit Bubi zu gehen. Und dann kriegt das Mädel 1 mit, und will nicht im Wege stehen, aber alle drei mögen sich so gern und keiner will niemand wehtun und achgottachgott. Es wirft mich nicht wirklich vom Sitz, aber es sieht recht nett und zart aus und Mangas haben derlei schon viiiel, viiiel furchtbarer verwurstet. Wie gesagt: eine hübsche Harmlosigkeit.
Grün-dlichkeit

„The guy she was interested in wasn’t a guy at all“ ist trotz der innovativen Ergänzungsfarbe grün eine erzählerische Abrissbirne. Der Titel sagt, worum’s geht, alle die nicht englisch können, kriegen ihn innen übersetzt, die nicht vorhandene Pointe wird auf Seite 14 dreifach grün-dlich erklärt. Naja. Irgendwann ist der Gag dann tatsächlich durch, wird auch nicht mehr gebraucht, es kommt das übliche „huch, was denkt sie?“ und „hach, wieso nicht?“ Wohlgemerkt: Es gibt Mangas, die winzige Details unglaublich spannend zelebrieren und dehnen – der hier ist das gezeichnete Äquivalent zu einer Unterhaltung mit einer stocktauben Großmutter. Und wird mir dann auch noch Bon Jovis Radiorotz als ausgesuchter Alternative Rock untergejubelt, dann juckt mich „the guy she was interested in“ überhaupt not more. Und fliegt trotz aller gezeichneter Niedlichkeit in the green Tonne.
Sparsamer Klassiker

Ein Klassiker, wenn ich’s recht sehe: In den 70ern startete Riyoko Ikeda ihren Manga „Lady Oscar – Die Rose von Versailles“. Wir sind am Hof König Ludwigs XV., es trifft die junge, schöne, wilde Marie Antoinette aus Österreich ein und heiratet den Kronprinzen, später wird sie dann der Bevölkerung Kuchen als Brotersatz vorschlagen. Soweit sind wir hier nicht, Ikeda nutzt die Ankunft als munteren Intrigantenstadel im Märchenschloss, mit der Mätresse DuBarry als Gegenspielerin und der Titelheldin, einer rätselhaften schönen Gardeoffizierin, als Dreingabe. Eine Freude ist’s trotzdem nur bedingt. Die Optik altert nicht gut, die Zeichnungen sind sparsam und Ideen sind rar: Im Wesentlich hält jeder, der was sagt, halt dazu sein Gesicht ins Panel. Dann wird alles so breit erklärt und verdeutlicht, dass man neben dem Mangalesen eigentlich auch noch was anderes machen kann, ohne viel zu verpassen. Wie Bügeln, Fernsehen oder einen anderen Manga lesen.
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- 11. Mai 2024
Einmal „Nein“ gesagt, einmal frech gewesen: In „Merel“ analysiert Clara Lodewick bitterböse die Spielregeln der heilen Dorfgemeinschaft

Es ist eine unscheinbare Geschichte, die Clara Lodewick (27) da als Erstlingswerk vorlegt (und sie zur Max-und-Moritz-Preiskandidatin 2024 macht) . Belgisches Dorfmilieu, eine unscheinbare Titelheldin, „Merel“: Eine Frau, um die 40, ein bisschen moppelig, Durchschnittsgesicht, alles in einfach gehaltenen Zeichnungen geschildert, die so harmlos daherkommen, dass einen die Sprengkraft umso mehr überrascht, die Lodewick aus ihren harmlosen Zutaten herausholt.
Auffällig unauffällig
Merel führt ein unauffälliges Dorfleben in einem unauffälligen Dorfhaus. Sie schreibt unauffällige Geschichten für die unauffällige Ortszeitung, über den unauffälligen Fußballklub. Sie züchtet Enten, und ab und zu geht sie mit den Enten zu Geflügelwettbewerben. Einen Mann hat Merel nicht, sie vögelt gelegentlich einen Entenzüchterfreund, sie flirtet hier und da ein bisschen. Das wird ihr zum Verhängnis.

Die Auslöser sind lächerlich: Merel, die in der Dorfkneipe mit den Jungs gern mal kumpelhaft ein Bier zischt, macht eine falsche Bemerkung zu einer Frau, die sich gerade mit ihrem Mann zofft. Und sie lässt einen Bierkumpel abblitzen. Daraus entsteht Getuschel, und in einer blitzartigen Geschwindigkeit wird Merel eine, die’s mit jedem treibt, den Frauen die Männer abspenstig macht. Und für die Kinder, die von allem nur die Hälfte mitkriegen, aber sich dafür aus jedem Halbsatz zwei Reime machen, wird sie die Hexe.
Dörfliche Hexenjagd
Gekonnt dreht Lodewick an der Eskalationsschraube, und besonders geschickt ist, dass sie die zunehmende Hetzjagd inszeniert, ohne dass man dazu einen besonderen Bösewicht bräuchte. Kleinigkeiten genügen, aus einem einfachen Grund. Denn die gut integrierte Merel hat den Nachteil, dass sie anders ist: Unverheiratet, keine Kinder, allein wohnend, einsames Hobby. Ihr enttäuschter Nicht-Liebhaber hat seine Kumpels, unter denen er seine Lüge verbreiten kann, die verbitterte Ehefrau hat die anderen Frauen, mit deren Männern die vermeintlich mannstolle Merel allabendlich Bier trinkt. Merel hingegen ist nur aus Freundschaft Teil dieser Gruppen, nicht weil sie dieselben Eigenschaften hat. So beiläufig man sie aufnimmt, kann man sie auch wieder ausstoßen.

Lodewick entfaltet das bedrückende Drama mit aller Brutalität, und sie muss gar keine weiteren Hinweise streuen, um ganz nebenher klarzumachen: Wenn das schon einer weißen Frau in ihrem eigenen Land so gehen kann – wer wäre ein ähnlich leichtes Opfer? In Schulklassen, am Arbeitsplatz, im Verein, in der WhatsApp-Gruppe? Lodewicks leichte, freundliche Zeichnungen unterstützen dabei die Vielseitigkeit der Erzählung. Die Figuren sind gerade ausgearbeitet genug, dass sie dem Leser nahekommen – aber auch vage genug, dass sie sich als Platzhalter für andere Situationen eignen.
Schock oder Schongang?
Das Ende hingegen ist Geschmackssache: Man könnte der Ansicht sein, dass so eine Geschichte nicht hart genug zugespitzt werden kann, dass sie einen schockartigen Schluss braucht. Man kann sich eine versöhnlichere Option wünschen, die Auswege zeigt und Hoffnung macht. Oder einen Kompromiss mittendrin. Welche Variante Clara Lodewick gewählt hat? Selber lesen!
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