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Comicverfuehrer

Lou Lubie und der Kampf mit ihren Locken: Ein Comic erklärt, was Haare mit Rassismus zu tun haben - und wie sich die Opfer zu Komplizen machen

Illustration: Lou Lubie - Helvetiq
Illustration: Lou Lubie - Helvetiq

Man kann einen Comic mit Haaren füllen. Und zwar so, dass auch jemand mit eher wenigen Haaren (wie ich) davon profitiert. Obwohl ich mich zuerst sogar drüber geärgert habe. Der Comic heißt „Meine Wurzeln“ und geht recht lustig los: die französische Comic-Autorin und -Zeichnerin Lou Lubie berichtet vom Kampf mit ihren krausen, ausufernden Haaren, der sie seit ihrer Kindheit begleitet. Das ist amüsant, selbstironisch, aber bald denkt man: „Schon gut, sind doch nur Haare!“ Eben nicht: Es steckt mehr dahinter.

Menschenmix auf La Réunion


Man erfährt vom Bevölkerungsmischmasch auf La Réunion, der Insel, von der Lubie stammt. Von den verschiedenen Haaren der Menschen aus verschiedenen Regionen. Von den verschiedenen Optionen, krauses Haar einzudämmen. Und wie wichtig es ist, das zu tun: aus zweierlei Sorten von Rassismus.

Illustration: Lou Lubie - Helvetiq
Illustration: Lou Lubie - Helvetiq

Denn mit den Haaren wird man zugleich zugeordnet, sagt Lubie. Das gilt auch bei ihr, obwohl sie keine dunkle Haut hat. Sie ist Kreolin, und mit glatten Haaren ginge sie problemlos als weiß durch, als „echte Französin“. Was die eine Seite der Medaille ist. Die andere Seite ist: Indem sich Lubie diesem Denken unterwirft, wertet sie es zugleich auf. Sie ist Opfer und Verstärker zugleich, und je länger der Comic erzählt, desto deutlicher wird das.


Wie wird man weniger nichtweiß?


Lubie stützt ihre Geschichte mit Zahlen. Sie zeigt die Methoden des Glättens, die ganze Industrie dahinter. Wie viel Geld man als nichtweiße Frau in Frankreich dafür ausgibt, weniger nichtweiß zu sein. In günstigeren Salons, in teureren, mit Pflegeprodukten, die für Frauen nochmal mehr kosten. Weil Aussehen für Frauen wichtiger – ist? Wichtiger gemacht wird? Und von wem?

Illustration: Lou Lubie - Helvetiq
Illustration: Lou Lubie - Helvetiq

Hier wird der Comic richtig spannend. Lubie führt zusammen, wie viel Geld mit der Angst gemacht wird, „irgendwie anders“ bzw. „irgendwie minderwertig“ auszusehen. Diese Angst hat fast jeder, sogar der künftige Bundestrainer. Frauen haben sie mehr als Männer, nichtweiße Frauen offenbar noch mehr als weiße Frauen. Und erneut werden die beiden Seiten der Medaille erkennbar.


Gönn dir ein Stück von der Rassistentorte


Zweifellos stecken hinter diesem Druck politische und wirtschaftliche Interessen. Aber er wäre nichts wert, wenn die Zielgruppe nicht eifrig mitarbeiten würde. Wenn sich die Zielgruppen nicht gegenseitig in den Wahnsinn treiben würden. Wenn die Zielgruppe nicht durch eifriges Mitspielen versuchen würde, sich selbst eine Scheibe von der profitablen rassistischen/sexistischen Torte zu sichern.

Illustration: Lou Lubie - Helvetiq
Illustration: Lou Lubie - Helvetiq

Lubie verschweigt das nicht: Mit dem Glätten der Haare angefangen haben offenbar schwarze Sklavinnen in den Südstaaten, die damit versucht haben, für die weiße Damen- und Herrenschaft erträglicher zu wirken: Und zwar erträglicher verglichen mit der schwarzen krausen Konkurrenz. Die Konsequenz kann eigentlich nur eine sein – und Lou Lubie zieht sie am Buchende auch: Scheiß drauf, Haar ist Haar, steh dazu!

Mitspielen ist leichter als Aufbegehren


Was bei genauerer Betrachtung für viele weitere vermeintliche Unzulänglichkeiten gilt und gar keine so sensationelle Erkenntnis ist. Aber Lou Lubie zeigt dabei informativ und unterhaltsam, wie vertrackt, wie verheddert diese Mechanismen sind, wie tief sie sitzen – und warum so viele eben doch mitspielen.





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Zweimal packt die Französin Magali Le Huche heiße Eisen an, aber nur einmal funktioniert's: Warum der Text bei Comics so wichtig ist

Illustration: Magali Le Huche - Reprodukt
Illustration: Magali Le Huche - Reprodukt

Was predige ich jedes Mal wie eine tibetanische Gebetsmühle? Für die Comicqualität ist das Szenario wichtiger als die Zeichnung. Weil gute Szenarien auch mäßige Zeichnungen vertragen, die besten Zeichnungen aber kein schlechtes Szenario retten, sondern allenfalls aufhübschen. Zeichnung macht schön, Szenario macht gut. Und das kann man gerade gut zeigen: An Magali Le Huche, die derzeit zwei Comics am Start hat.


Es geht um die Wurst

Illustration: Magali Le Huche - Reprodukt
Illustration: Magali Le Huche - Reprodukt

Magali Le Huche, Jahrgang 1979, zeichnet lockere Figuren, ein bisschen kommerziell, aber nicht zu konventionell – man nimmt sie gern in die Hand. Noch lieber, wenn das Thema vielversprechend ist: Sie hat sich „Die kleinen Königinnen“ vorgenommen, einen Roman von Clémentine Beauvais, der spannenden Zündstoff verspricht.


Mobbing, Hater: heiße Themen stark vereinfacht


Drei Mädchen werden im Schulchat online zu den hässlichsten Würsten des Jahres erklärt. Wir sind beim Thema Mobbing, Hatespeech, Soziale Medien, lauter wichtige Sachen also. Aber so dringend ich mir gute Comics zu diesem Thema wünsche – die „kleinen Königinnen“ gehören nicht dazu. Weil alles so grauenhaft simplifiziert daherkommt.

Illustration: Magali Le Huche - Reprodukt
Illustration: Magali Le Huche - Reprodukt

Denn statt sich mit dem realen Problem zu befassen, weicht der Roman lieber auf ein fantastisches aus: Die Wurstwahl wird hier zum Medienevent, vor dem sämtliche Behörden kapitulieren, weil es „im Internet“ stattfindet (als würde jeder zusehen, wie 50.000 Leute es liken, dass Minderjährige fertiggemacht werden). Und der Ausweg: Die drei Würste beschließen nach Paris zu radeln, zur Präsidentin, und plötzlich jubeln ihnen alle zu. Das ist schlichtweg Bullshit.


Illustration: Magali Le Huche - Reprodukt
Illustration: Magali Le Huche - Reprodukt

Sollen alle Opfer von Online-Hass sich zu Objekten des Online-Jubels mausern? Wie man seit dem „Drachengame“ weiß, sind Hater kaum umzupolen. Und bei der frechen Mireille klappt das ja auch nur, weil’s Autorin Beauvais so will. Tatsächlich läuft derlei aber anders ab: im (geschlossenen?) Klassen- oder Schulchat, mit so wenig Aufmerksamkeit, dass kein Hahn und kein Präsident danach kräht. Nein, eine Präsidentin auch nicht. Radeln ist hier keine Lösung, und dagegen kann Magali Le Huche nicht anzeichnen. Das Ergebnis ist fröhlicher Quatsch, der sich Phantasieauswege zurechtträumt, mehr nicht.  


Jetzt wird's persönlich

Illustration: Magali Le Huche - Reprodukt
Illustration: Magali Le Huche - Reprodukt

Für den zweiten Band hat Magali Le Huche das Szenario selbst entwickelt, auch weil es sie selbst betrifft: In „Punk mit Brust“ setzt sich Le Huche mit ihrer Brustkrebserkrankung auseinander. Und prompt gelingt ihr das sehr, sehr gut.

Illustration: Magali Le Huche - Reprodukt
Illustration: Magali Le Huche - Reprodukt

Der Unterschied liegt im Szenario, und der Vorteil ist, dass man für dieses Szenario nicht zaubern muss. Es hat Hand und Fuß, weil die Krankheit die Geschichte vorgibt: die sorglose Zeit, die Diagnose, die Ängste, die OP. Nie käme Le Huche hier auf die Idee, eine rettende Präsidentin einzubauen. Sie bleibt bei der Realität, und die stellt Le Huche eine Aufgabe, für die ihre Zeichenkunst ideal ist.


Berührung als Schlüssel


Denn man will so einen Comic nicht einfach runtererzählen. Man möchte den Leser und noch mehr die Leserin berühren, auch dann, wenn sie bislang weder mit der Erkrankung noch mit Erkrankten zu tun hatten. Für diese Berührung braucht man Bilder, und das ist ein Job für Le Huche. Jetzt, wo das Konzept passt, kann die Zeichnung mehr als übertünchen, sie kann glänzen. Le Huche findet eine Menge guter Bilder.

Illustration: Magali Le Huche - Reprodukt
Illustration: Magali Le Huche - Reprodukt

Der namensgebende Punk ist dabei nicht mal das Beste: Die Schiene des mutmachenden Joe Strummer bleibt mir fremd, weil ich kein Clash-Fan bin. Aber ich sehe natürlich ein, dass die von Le Huche (und mir) vielgeliebten Beatles zu gutgelaunt sind für mutmachenden Krawall gegen die ungerechte Krankheit, da ist stärkerer Stoff angebracht. Und wie Le Huche in sich hineintaucht , als sie vor der Diagnose in ihren suspekt gewordenen Körper hineinhorcht, das ist schon ziemlich gut.


Der Körper im Schlepptau


Die schwarze Wolke der Angst, oder das seltsame Bild, den Leib separat von sich zu betrachten, was darin mündet, dass Le Huche ihren operierten Körper auf einem Rollwägelchen hinter sich herzieht – wie auch ihre Leidensgenossinnen. Deren Schicksale Le Huche ebenfalls streift, damit klar wird, dass Brustkrebs unterschiedliche Formen annehmen kann und unterschiedlich therapiert wird.

Illustration: Magali Le Huche - Reprodukt
Illustration: Magali Le Huche - Reprodukt

Manchmal wirkt das Ganze einen Hauch zu mutmacherisch, aber das kann man angesichts des Themas kaum tadeln: zum Verzagen braucht man keinen Comic zeichnen, die häufig gegenwärtige Schwarze Wolke mit allen Ängsten macht das mehr als deutlich. Unterm Strich liest sich der Band trotz des schweren Stoffs erstaunlich leicht, er nutzt geschickt den Kampf um Leben und Tod und hat trotz vieler Informationen nichts Ratgeberhaftes. Stimmt der Text, dann klappt's auch mit dem Comic.


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  • 21. Dez. 2025

5 Mangas in 5 Minuten (Finale): Mit 1 Messer im Kopf, 1 Gruselklinik, 1 Dreier, 1 Grünstich und Kuchen statt Brot

Illustration: Masaya Hokazono/Seima Taniguchi - Manga Cult
Illustration: Masaya Hokazono/Seima Taniguchi - Manga Cult

Die Rache des Opfers


Zwiespältig, aber eigen: In „Pumpkin Night“ bricht ein einst gemobbtes Mädchen aus der Psychiatrie aus und tötet – maskiert mit einem Kürbiskopf – die früheren Mitschüler. Kritisieren kann man daran allerhand: Die Konstruktion ist etwas hölzern (wie auch die Zeichnungen), das Mobbing etwas platt (wg. Sprachfehler, Fröhlichkeit). Und die Rachemorde sind irrsinnig detailliert dargestellt, da fahren Messer durchs Auge ins Hirn, da wächst kein Gras mehr. Trotzdem: die Erzählung ist cleverer als erwartet. Die Rückblenden geben den Grausamkeiten der Mobber genauso viel Raum wie dem Opfer/Monster selbst. Und man kann sagen, dass dadurch in den besten Momenten die Gewaltexzesse von heute auch die Tiefe der Verletzungen, die Häme der Mobber von einst illustrieren, die dem Mädchen etwa Knallfrösche in die Kürbismaske stopften. Schade ist, dass die Rechnung nicht durchgehend aufgeht. Aber um mit dem Weisen Jim Steinman zu sprechen: Two out of three ain’t bad.



5000 Liegestütze


Illustration: Takuma Tokashiki - Egmont Manga
Illustration: Takuma Tokashiki - Egmont Manga

Ganz so leicht ist es eben doch nicht: Man nehme superviel Gewalt, solide Horroroptik, bizarre Dystopie und eine Prise Wehleidigkeit, stecke alles in einen Sack und prügle darauf ein, raus kommt  – „Lili-Men“. Auf Seite 1 werden schon arg verhungerte Gestalten in einer Klinik aus Schläuchen ernährt. Regelmäßig untersuchen Krankenschwestern sie auf ihre „Gesellschaftstauglichkeit“. Alle entwickeln Superkräfte und werden als tauglich entlassen, nur nicht Nito, obwohl er täglich 500mal liegestützt. „Was soll ich denn noch tun?“, fragt er, Antwort: „Mach 5000 Liegestütze.“ Machte er eben 5000. Hilft auch nix. Heulheul, ich habe gehört, außen gibt es Brot und Katzen zum Streicheln. Das wird auch so erzählt, pitsch-patsch-knall-auf-fall, jetzt geh ich in den Keller, huch, da sind die Entlassenen ganz spinnenmäßig eingewebt, und die Krankenschwester ist ein spooky Alien und jetzt hat Nito auch Superkräfte (warum? egal), dann wird Nito zerhackt und lebt aber weiter. Unfreiwillig komisch, ja, aber alles andere als lustig.

 



Drei sind einer zuviel


Illustration: Shinoa - Egmont Manga
Illustration: Shinoa - Egmont Manga

Lust auf eine hübsche Harmlosigkeit? Das tut ja manchmal ganz gut. Hier empfiehlt sich Shinoas „There Is No Love Wishing Upon A Star“. Ein sehr zart gezeichnetes, extrem mildes Drama, wo drei einer zuviel sind. Wir haben zwei Mädels und einen Buben, Mädel 1 liebt Mädel 2, aber Mädel 2 hat sich dazu entschlossen, mit Bubi zu gehen. Und dann kriegt das Mädel 1 mit, und will nicht im Wege stehen, aber alle drei mögen sich so gern und keiner will niemand wehtun und achgottachgott. Es wirft mich nicht wirklich vom Sitz, aber es sieht recht nett und zart aus und Mangas haben derlei schon viiiel, viiiel furchtbarer verwurstet. Wie gesagt: eine hübsche Harmlosigkeit.



Grün-dlichkeit


Illustration: Sumiko Arai - Hayabusa
Illustration: Sumiko Arai - Hayabusa

„The guy she was interested in wasn’t a guy at all“ ist trotz der innovativen Ergänzungsfarbe grün eine erzählerische Abrissbirne. Der Titel sagt, worum’s geht, alle die nicht englisch können, kriegen ihn innen übersetzt, die nicht vorhandene Pointe wird auf Seite 14 dreifach grün-dlich erklärt. Naja. Irgendwann ist der Gag dann tatsächlich durch, wird auch nicht mehr gebraucht, es kommt das übliche „huch, was denkt sie?“ und „hach, wieso nicht?“ Wohlgemerkt: Es gibt Mangas, die winzige Details unglaublich spannend zelebrieren und dehnen – der hier ist das gezeichnete Äquivalent zu einer Unterhaltung mit einer stocktauben Großmutter. Und wird mir dann auch noch Bon Jovis Radiorotz als ausgesuchter Alternative Rock untergejubelt, dann juckt mich „the guy she was interested in“ überhaupt not more. Und fliegt trotz aller gezeichneter Niedlichkeit in the green Tonne.

 


Sparsamer Klassiker


Illustration: Riyoko Ikeda - panini manga
Illustration: Riyoko Ikeda - panini manga

Ein Klassiker, wenn ich’s recht sehe: In den 70ern startete Riyoko Ikeda ihren Manga „Lady Oscar – Die Rose von Versailles“. Wir sind am Hof König Ludwigs XV., es trifft die junge, schöne, wilde Marie Antoinette aus Österreich ein und heiratet den Kronprinzen, später wird sie dann der Bevölkerung Kuchen als Brotersatz vorschlagen. Soweit sind wir hier nicht, Ikeda nutzt die Ankunft als munteren Intrigantenstadel im Märchenschloss, mit der Mätresse DuBarry als Gegenspielerin und der Titelheldin, einer rätselhaften schönen Gardeoffizierin, als Dreingabe. Eine Freude ist’s trotzdem nur bedingt. Die Optik altert nicht gut, die Zeichnungen sind sparsam und Ideen sind rar: Im Wesentlich hält jeder, der was sagt, halt dazu sein Gesicht ins Panel. Dann wird alles so breit erklärt und verdeutlicht, dass man neben dem Mangalesen eigentlich auch noch was anderes machen kann, ohne viel zu verpassen. Wie Bügeln, Fernsehen oder einen anderen Manga lesen.

 


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