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Kartoffeln in Tarnfleck

Nick Drnasos "Sabrina" wurde 2018 als erste Graphic Novel für den Booker Preis nominiert, jetzt erscheint sie auf deutsch - und macht mich ziemlich ratlos.


Illustration: Nick Drnaso - Blumenbar

Tja, jetzt gibt es sie auf deutsch: Die erste Graphic Novel, die für den Booker-Preis nominiert wurde. Der Sprung von der Longlist unter die letzten Fünf gelang „Sabrina“ von Nick Drnaso zwar schon nicht mehr, aber trotzdem: großes Aufsehen. Auch in Deutschland gibt’s jetzt einen besonderen Auftritt, weil sich der Aufbau-Verlag den Titel gesichert hat. Aufbau will den Unterverlag Blumenbar ausbauen, und da ist ein Booker-Preis-Kandidat natürlich schon ein ordentlicher Startschuss. Sollte man jedenfalls meinen.


Nicht schief, sondern langsam


Tatsächlich klingt vieles verheißungsvoll. Die Story ist mysteriös, die Titelheldin verschwindet plötzlich, ihr letzter Freund Terry zieht bei einem Kumpel ein, um Abstand von dem Schicksalsschlag zu gewinnen. Plötzlich wird ihre Monatskarte gefunden, ein Mordvideo taucht auf. Täter ist ein Junge, der so harmlos wirkt, dass eine Menge Internet-Irrer die Geschichte anzweifeln. Sabrina sei überhaupt nicht tot, ihr Freund und der Kumpel, bei dem er wohnt, sind böse Schauspieler und, und, und… Klingt spannend und brandaktuell, denn wir leben doch in einer Welt, in der Trolle und andere Leute ohne Leben und Verstand sich ihre Realität zurechtschrauben. Der Klimawandel ist so erfunden wie der Massenmord an der Sandy Hook Grundschule und Hillary Clinton missbraucht Kinder in einer Pizzeria. Eine gute Geschichte hat Drnaso da also. Was kann da schief gehen?


Es geht tatsächlich auch nicht schief. Sondern langsam. Sehr langsam. Das ist das erste, was auffällt: Wir sehen Sabrina zu Besuch bei ihrer Schwester, ein Dialog. Zehn Seiten. Sabrina schmust mit der Katze. Sie reden über Männer, Weihnachtsgeschenke, Kreuzworträtsel, Urlaubspläne. Ein normales Gespräch unter Schwestern, nichts davon wird später Bedeutung gewinnen. Dargereicht wird das in strenger Form, auf zwölf Panels pro Seite, drei mal vier, alle gleich groß. Am Ende geht Sabrina ins Bett, tags darauf aus dem Haus. Hm. Ein Feuerwerk der guten Laune ist das nicht, und dass es nicht als solches angelegt ist, macht es keinen Deut unterhaltsamer.


Das Prinzip ist klar, der Sinn nicht


Schnitt: Sabrinas Freund taucht bei seinem Kumpel Calvin auf. Der holt ihn vom Flughafen ab. Einige der Panels werden jetzt größer, aber die Basis bleibt immer das drei-mal-vier-Raster. Die beiden Männer kennen sich kaum, also reden sie praktisch nichts oder nur Oberflächliches. Jede Menge Panels bleiben jetzt wortlos. Man merkt, da steckt ein Prinzip dahinter, aber wozu? Soll das symbolisch sein, für eine Gesellschaft, die sich nichts zu sagen hat? Da gibt’s doch bessere Symbole als zwei schweigsame Typen, die sich nicht kennen.

In der Tat ist die Sprachlosigkeit immer wieder Thema. Aber immer wieder in Situationen, in denen auch Hella von Sinnen nicht viel reden würde. Es ist, als würde man behaupten, alle Menschen trügen schwarz, und als Beleg zeigt man dann einen Kaminkehrer. So dusslig kann Booker-Preis-Kandidat Drnaso nicht sein, oder? Aber was soll das Ganze denn dann?


Viel Stil, wenig Unterhaltung


Leider helfen auch die Zeichnungen nicht weiter. Man könnte sogar sagen, sie kommen erschwerend hinzu: Das ist alles zwar durchgestylt, sieht hinten und vorne wie Kunst aus, aber unterhaltsam wird’s nicht: Drnaso zeichnet in klaren Linien, extrem reduziert, meist nur Umrisse und Farbflächen ohne jede Schattierung. Die Figuren sehen meist aus wie große laufende Süßkartoffeln, ihre Gesichter bestehen aus der Frisur und ein paar Punkten darunter. Weshalb man an Calvins Arbeitsplatz bei der US-Armee die Figuren kaum noch unterscheiden kann: Hier tragen alle Süßkartoffeln Tarnfleck.


Sie reden in ähnlich gebremsten Dialogen über eine Stelle, die frei wird, Calvins Familie, von der er getrennt lebt, private Probleme, ob man mal essen gehen sollte. Das ist, zugegeben, alles sehr echt. Aber auch sterbensfad. So fad, dass man dankbar ist, dass irgendwann endlich, endlich, ENDLICH das Video mit dem Mord an Sabrina auftaucht.


... und dann gehen die Optionen aus


Es folgen: viele Atempausen. Geschichte wird irgendwie gemacht, voran geht es nicht. Die Handlung wird dünn verteilt wie Crepeteig. Die Internet-Trolle breiten ihre Mischung aus Mobbing und Hass aus, aber naja, man kommt damit schon auch klar. Calvin hat Waffen zuhause, packt sie aber nicht aus. Terry hört im Radio immer mehr Verschwörungstheorien, findet das Waffenversteck. Spätestens an diesem Punkt gehen auch die Optionen aus: Wenn Terry Amok liefe, wäre das arg vorhersehbar. Wenn nicht, wäre es wieder fad. Ohne zu spoilern: Auch Drnaso findet hier keine Lösung, weder spannend noch überraschend.


Mein erster Impuls: Da wüsste ich ein Dutzend anderer Graphic Novels, die ins Raster passen und dringender geehrt werden müssen (Charles Burns‘ „Black Hole“, nur mal als Beispiel). Aber klar, jeder kennt was, das er besser findet. Aufschlussreicher ist daher die Frage: Wenn man eine Graphic Novel als Literaturpreis-Kandidat ehren will, muss man dann auf „Sabrina“ warten? Denn das Genre der vielschichtigen, anspruchsvoll stilisierten Melancholie ist ja nicht neu, da findet man doch jedes Jahr mindestens einen Comic, der genauso trübsinnig ist. Aber vielleicht hab ich ja auch nur wieder mal null begriffen. Dann hilft nur: Selber rausfinden.



Dieser´Text erschien erstmals bei SPIEGEL Online.

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