- 14. Dez. 2025
Schlimmer Titel, reißerisch aufgemacht: „Auf den Hund gekommen“ wirkt wie eine Comic-Katastrophe – und entpuppt sich als Krimi-Perle

Das Cover lässt Übles fürchten: Niedlicher Hund schaut mitleiderregend, dazu eine Automatikpistole und Blutspritzer. Was immer man sich da zusammenreimt, gut wird's nicht. Billige Angstmache um den armen Hund? Und wenn nicht, ist es Comedy? Killer mit Hund, sowas in der Art? Aber das klingt dann so plakativ-platt, mangamäßig, Schwertkämpfer mit Goldfisch, Halunke mit Hamster. Und dann noch der Spaßtitel: „Auf den Hund gekommen“! Hilfe!
Doch: weit gefehlt.
Einmal nach Schema F, zweimal dagegen

Los geht es ins Schema passend: mit einem Mord. Der Täter ist eine Dame um die 60, die im Renault R 5 auf ihr Opfer wartet. Sie hat ihren Hund dabei, arbeitet eiskalt, blitzschnell und mit einer Schalldämpferpistole – sie macht sie sowas scheint's öfter, vielleicht sogar beruflich. Ungewöhnlich ist, dass sie nicht nur das Opfer tötet, sondern auch dessen Dackel. Das kommt in diesem Genre nicht so oft vor. Und dann wird es gleich zweifach interessant.
Außer Kontrolle
Der ermittelnde, selbst nicht mehr junge Kommissar besucht seinen Vater, der offenbar in die Senilität abgleitet, und dessen Pflegerin. Hatten wir noch nicht so oft. Und wir erfahren: die Hundekillerin war auf eigene Faust tätig, sie ist also Teil einer Organisation – und irgendwie außer Kontrolle. Besonders schön: Wir erfahren all das mit wenig Geschwafel. Denn weil Bild und Text so gut ineinander greifen, klingen die Protagonisten nicht wie Fernsehkommissare, sondern können und dürfen reden wie normale Menschen.
Kill your darlings gründlich
Ab da zieht Lemaitre die Schrauben richtig gut an. Ich will auf keinen Fall zuviel verraten, aber es wird a) brutal und b) hat Lemaitre überhaupt kein Problem, Leute zu opfern, die man als Leser eigentlich für unverzichtbar hält. Was c) bedeutet, dass die Handlung (wenigstens für mich) richtig, richtig überraschend ist.

Dazu kommt überdurchschnittliches Artwork von Dominique Monféry: Keine gefällige Standardware, sondern etwas ruppiger, grober. Kombiniert mit sehr filmischen Einstellungen, Close-Ups, Draufsicht von der Zimmerdecke, Zoom aufs Detail, eine Prise Witz, nur eine ganz kleine, weil das hier eben nicht noch zur xten ach so schwarzen Komödie abgleiten soll. Szenarist Lemaitre hat sich ja auch nicht den blödsinnigen Titel ausgedacht: das Original heißt „Le serpent majuscule“, deutsch ganz grob „die große Schlange“, Hundeanteil null. Aber was soll's, Titel, Schmitel: Das hier ist eine echte, rundum gelungene Überraschung, ein richtiges Krimi-Juwel.

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- 16. Nov. 2025
Wasser, soweit das Auge reicht: Benjamin Flao blickt mit wohltuendem Pragmatismus in eine apokalyptische Zukunft

Machen wir’s kurz: Der Typ ist gut. Aber mal richtig, richtig gut. UEFA-Cup-Qualität, mitunter sogar noch besser. Über Jahre hinweg. Und jetzt ist die ideale Gelegenheit zum Kennenlernen. Denn gerade erscheint Benjamin Flaos Finale seines Zweiteilers „Auf dem Wasser“. Der mir eigentlich vom Start weg gegen den Strich geht.
Radikal eingewöhnt
Denn Flao beginnt mit einem telepathisch begabten blauen Hund als Erzähler. Was ich sofort gar nicht begriffen habe. Ich dachte, das sei symbolisch oder so, und die Hundegedanken wären einfach ein anonymer Erzähler. Was im Prinzip ziemlich gewöhnungsbedürftig ist, aber Flao kürzt die Gewöhnungszeit radikal ab: durch seine verführerischen Bilder.

Er startet supergroßzügig, mit gewaltigen Splashes von Gegenden und Stadtlandschaften. Erst verkommene Wohnungen, dann die Außenwelt, völlig überflutet. Wir sind in der Zukunft, irgendwo in Europa, in der Dystopie-Variante, in der die Wasserspiegel gestiegen sind. Und das sieht, sorry, einfach großartig aus. Obwohl diese Welt eine schauerliche ist.
Waterworld by Wilhelm Busch
Aber diese Weiten, aus denen ein paar Dächer ragen, Baumwipfel, in denen sich das kleine Motorboot von Hans verliert, das Licht, die Wolken, die Wälder – leben will man da nicht, aber zusehen ganz gewiss. Auch, als Hans ankommt, in der Sumpfhütte seiner Mutter Jeanne, und dort den telepathischen Hund knuddelt. Erstens, weil dieses Hundknuddeln selten so gut eingefangen wurde. Und zweitens, weil die Menschen, die Dialogszenen, etwas ungemein Vertrautes haben. Irgendwie … a touch of Wilhelm Busch.

Nicht wegen der Pointen, es liegt mehr an der Kombination aus dicken schwarzen Strichen, ergänzt mit wenigen dünnen schwarzen Kratzern. Sie ergeben zerknautschte, realistische Menschen, und in den komischen Momenten – dochdoch, das ist buschhaft. Dazu große Farbflächen und reichlich Weiß, man liest gerne weiter.
Gut gelaunter Untergang
Trotzdem es dann schon manches zu bekritteln gibt. Der Hund etwa klappt nicht so gut, weil es auch Szenen gibt, in denen er nicht dabei ist. Wer erzählt uns die? Und auch bei der Konstruktion der Wasserwelt ist manches eher halbgar: Lebensmittel, Treibstoff, alles wird knapp – aber dafür sind die Charaktere noch zu gut gelaunt (verglichen mit Gipis „Welt der Söhne“) oder zu gut versorgt (verglichen mit Merwans „Mechanica Caelestium“).

Auch ist nicht ganz klar, warum eine Regierung die verstreut lebenden Menschen vertreiben will. Und die Wasserlandschaft selbst: Die kann eigentlich nicht so tief sein, dass Blauwale reinpassen. Aber Flao geht es offenbar nicht um präzise politische Aussagen. Stattdessen erzählt er von einer erträglichen Form der Apokalypse, einer Zeit, in der man einfach mal mit weniger auskommt und die Menschen Menschen sein lässt. Denen er liebevoll zusehen und zuhören will.
Herzlich in der Hölle
Das macht er wiederum ganz ausgezeichnet: Wortarm, ruppig, herzlich, im Grunde könnten die Leute alle aus der kleinen Kneipe in unserer Straße stammen. Man kann es gut aushalten in dieser höllischen Welt. Was auch mal ganz guttut, weil die Realität wohl eher aussieht wie bei Gipi.

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- 24. Okt. 2025
Didier Conrad und Fabcaro schicken die Gallier nach Portugal – mit kaum Gags, dafür noch weniger Action und schon gar keiner Lust

Ob es stimmt, was in der „Süddeutschen“ steht? Für den neuen Band „Asterix in Lusitanien“ soll Zeichner Didier Conrad schon mal angefangen haben, bevor Texter Fabcaro sein Szenario liefert. Weil Conrad 15 Monate zum Zeichnen braucht, Fabcaro aber nur sechs zum Texten. Zeichner und Texter müssen also nicht zusammenarbeiten, sondern nur gleichzeitig fertig werden oder wie oder was? Sinn ergäbe das nicht, würde aber erklären, warum sich da zwei herzlich wenig für die Arbeit des Anderen interessieren. Und warum das Ergebnis genau so aussieht.
Verschickt wie ein Amazonpaket
Asterix und Obelix müssen also nach Lusitanien/Portugal. Warum? Weil ein „Lusitaner“ in Panel 4 auftaucht, in Bild 8-13 was von einem inhaftierten Freund erzählt und Majestix in Panel 15 Asterix und Obelix losschickt wie ein Amazonpaket. Da ist die zweite Seite noch nicht fertig. René Goscinny hat für sowas noch sechs Seiten (bei den Briten) gebraucht, oder zehn (bei den Schweizern), aber der wusste ja mit dem Platz auch noch was anzufangen. Etwa Figuren einzuführen wie Teefax oder den kleinen Pepe.

Aber dieser Ehrgeiz fehlt Fabcaro bei seinem Skript. Klar, nicht mal Conrad wartet ja drauf. Also flickt er was zusammen: Asterix wird den Unschuldigen befreien und dessen Unschuld beweisen. Indem er, kommt man nie drauf, ins Gefängnis geht und den Häftling einfach fragt, was der selber so meint. Aaaaber nicht sofort. Denn die Seiten und vor allem die Zeit bis dahin müssen erst noch gründlich totgeschlagen werden. Letzteres ist auch deshalb nötig, weil es noch nie zuvor in der Serie derartig wenig Schläge gab.
Ganz neu: Asterix ist jetzt gewaltarm
Es ist tatsächlich das erste Mal, dass man in einem „Asterix“ über Gewalt reden muss: nämlich über fehlende. „Asterix“-Prügeleien waren mal ein Fest des einfallsreich und perfekt choreographierten Slapstick. Diesmal wartet man bis Seite 25 (!), und nach einem einzigen (!!) Prügelpanel ist alles erledigt. Danach gibt’s nur noch eine Törtchenschlacht und das Finale, das auch nur in einem Bild Action nachweist. Aber gut, Conrads Prügeleien waren schon immer verzichtbar, vor allem, wenn man genug andere Gags hat. Bloß: Hat man die?

Fabcaro versucht’s mit Aktualität. Mit der Rentenreform oder dem Internet. Das klappt mehr schlecht als recht, auch weil die Römer den Galliern keine Rente zahlten. Ein kleines Wunder ist, dass der Passwort-Gag ziemlich gut hinhaut. Aber häufiger noch werden alte Witze aufgewärmt: Die „Weine und Kohlen“ aus dem „Avernerschild“, das Marketingsprech aus „Obelix GmbH und Co. KG“. Nebenher wird Obelix zur goofyartigen Dumpfbacke, die plötzlich mit Fachwissen prahlt (seit wann denn das??) und keinen Fisch isst (was er im Spanienband noch tat). Chrrrrrr. Etwas Spannung wäre jetzt recht. Aber woher soll die kommen?
Der große Gegenspieler: machtnix
Erinnern Sie sich an Claudius Bockschus, der Asterix in Spanien unablässig Knüppel zwischen die Beine warf? Agrippus Virus, dem vor lauter Vergiften das Gift ausging? Den durchtriebenen Moralelastix? Aber was sind diese drei gegen den Verräter Karies, der – hm, wartet, bis man ihn halt im Hafen findet? Oder den Präfekten Fetterbonus, von dem man vor allem fürchten muss, dass er eine Trump-Parodie ist, weil er dann nämlich richtig, richtig scheiße getroffen wäre... Aber warum soll sich Fabcaro um besseres Schurkenmaterial bemühen, wenn der Zeichner gar nicht erst so tut, als hätte er Lust auf seinen Job? Man muss nicht einmal das Heft öffnen, um Didier Conrads Gleichgültigkeit zu sehen.
Perspektiven wie beim Schwindelanfall

Schon auf dem Cover fragt man sich: Wie flugzeugträgergroß muss eigentlich diese Galeere sein, damit sie da im Hintergrund weit entfernt im Wasser schweben kann, als läge sie im Hafen vor Anker? Diese vollwurstige Perspektive passt aber ideal zu dem gepflasterten Platz auf Seite zwölf, dem optischen Äquivalent zu einem gutartigen Lagerungsschwindel. Und so geht es weiter. Wie triefnass kam Asterix einst in der Schweiz aus dem See, mit welcher Ernsthaftigkeit wrang Obelix seine Hose aus? Nach dem An-Land-Schwimmen in Lusitanien kriegt Obelix ein paar unsinnige Krakel auf die Hose, der strohtrockene Asterix ist vermutlich geschwebt. Ist das kleinlich? Nein, es ist ein Unterschied, ob man eine Szene spielt oder einen Text aufsagt.
Festmahl mit Brötchen vom Vortag
Oder besser: runterleiert. Festmähler bei Asterix weckten einst Heißhungerattacken, bei Conrads Prunkorgie auf Seite 39 gibt es nur Teller mit zwei Sorten Klumpen, die eine beige, die andere braun. Sind’s Kartoffeln? Sind’s Brötchen vom Vortag? Und als Asterix nach langer Reise in Olisipo/Lissabon ankommt, dem „größten Hafen der römischen Welt“ – was hätte Uderzo daraus gemacht? Eine grandiose Draufsicht, mit einem waldartigen Mastengewirr, einer Vielfalt an Leben, feilschenden Händlern, einkaufenden Frauen, spielenden Kindern. Conrad liefert ein klägliches Stadtbild, einfachst gezeichnet, und in dem ärmlich gefüllten Hafen treibt, handgezählt, eine einzige größere Galeere. Ich würd's Ihnen gern im Bild zeigen, aber die Macher geben digitales Material nur mit größter Vorsicht raus. Wer Conrads Panels ansieht, ahnt sofort, warum.

Man könnte heulen, doppelt zumal, weil im (erzählerisch dürftigen) „Idefix“ Spin-Off mit Jean Bastide ein Zeichner zur Verfügung stünde, der nachweislich Lust hat, Uderzo das Wasser zu reichen. Aber so schaut man eben fassungslos zu, wie das Mienenspiel von Asterix mit jeder Seite an Varianten verliert, bis er zum Schluss seine halbgeschlossenen Augenlider überhaupt nicht mehr aufkriegt. Erst soll das noch Listigkeit andeuten, wo keine ist, dann Gutmütigkeit, Langeweile, vermutlich die von Conrad selber, weil er immer dasselbe Gesicht malen muss. Ich versteh' ihn gut: Mir ging's nach dem Zuklappen ähnlich.
