- 5. Juli
Im Himmel wartet die Cloud: Der kluge Debattencomic „Die Summe seiner Teile“ macht Verstorbene verfügbar

Dies ist eine kleine Rarität, und deshalb muss sie hier rein – obwohl sie auch Schwächen hat: „Die Summe seiner Teile“ ist ein deutscher Comic, der richtig hinlangt. Was ich meine? Naja, deutsche Comics sind gern vorsichtig, abwägend, behutsam. Entschlossen sind sie meist nur, wenn sie sich auf der richtigen, der „guten“ Seite fühlen. Aber das ist bei diesem Thema noch nicht möglich: das künstliche Leben nach dem Tod. Trotzdem gehen Julia Zejn und Matthias Lehmann richtig in die vollen. Sehr schön!
Der ganz persönliche Upload
Wir sind ein bisschen in der Zukunft. Joshua wird sterben. Aber es besteht die Möglichkeit zur Teilnahme an einem Pilotprojekt: Empfinden und Denken würden in einen Computer hochgeladen. Und stünden dann seiner Freundin Mara zur Verfügung. Joshua sagt ja. Mara auch. Los geht’s, fast schon halsbrecherisch.

Dies ist eine kleine Rarität, und deshalb muss sie hier rein – obwohl sie auch Schwächen hat: „Die Summe seiner Teile“ ist ein deutscher Comic, der richtig hinlangt. Was ich meine? Naja, deutsche Comics sind gern vorsichtig, abwägend, behutsam. Entschlossen sind sie meist nur, wenn sie sich auf der richtigen, der „guten“ Seite fühlen. Aber das ist bei diesem Thema noch nicht möglich: das künstliche Leben nach dem Tod. Trotzdem gehen Julia Zejn und Matthias Lehmann richtig in die vollen. Sehr schön!
Der ganz persönliche Upload
Wir sind ein bisschen in der Zukunft. Joshua wird sterben. Aber es besteht die Möglichkeit zur Teilnahme an einem Pilotprojekt: Empfinden und Denken würden in einen Computer hochgeladen. Und stünden dann seiner Freundin Mara zur Verfügung. Joshua sagt ja. Mara auch. Los geht’s, fast schon halsbrecherisch.

Denn die Zeit ist reif. Die Sehnsucht, geliebte Sterbende zu behalten, ist ein superstarkes Motiv, das weiß jeder, der in der Situation war. Es wird aber nicht so oft genutzt, wenn man von Stephen Kings „Friedhof der Kuscheltiere“ absieht. Plus: Heute braucht’s keine Magie mehr. Menschen halten Beziehungen zur KI für möglich, manche führen sie bereits. Zejn/Lehmann halten sich also nicht lange mit dem „wie“ auf. Sie spielen drauflos. Vieles ist gut gemacht.
Am Toten wird noch gerechnet
Zum Beispiel die Lustangst. Es dauert ein bisschen, bis der digitale Joshua fertiggerechnet ist. Bis man ihn auf den Laptop geladen hat. Mara wartet erst ungeduldig, hat dann Angst ob es klappt und wie es klappt. Dann kriegt sie Joshua am Bildschirm. Die KI rechnet dort seine Bewegungen hoch, das ist schon mal verlockend. Und gut gemacht ist, was Zajn/Lehmann alles NICHT erklären.

Denn selbst in den gelungensten Momenten ist Joshua keine eigenständige Person mehr, sondern jemand, der immer da ist, wenn man ihn einschaltet. Der vieles Nervtötende echter Menschen gar nicht tun kann, wie die Spülmaschine falsch einzuräumen. Zejn/Lehmann wollen auch real bleiben, also kriegt Joshua kein Horror-Eigenleben. Es bleibt schwer zu sagen, was er tut, wenn Mara ihn nicht anknipst – stattdessen bleibt der Comic bei dem, was wir wissen: Wie verhält sich Mara?
Gute Fragen statt halbgarer Lösungen
Über manche Lösungen kann man streiten: Wäre es besser gewesen, auch noch einen Körper hinzuzufügen? Warum fragt Mara Joshua so wenig nach dem, was er „macht“? Warum fragt Joshua Mara so wenig nach dem, was sie denkt, während sie mit dem Bildschirm/Kopfhörer redet? Aber genau darum geht’s doch: Frag dich selbst. Was würdest du anders machen, was besser, was genauso?

Die rund 120 Seiten sind dafür eine richtige Länge. Es reicht, um die Frage ernsthaft aufzuwerfen und dann an den Leserkopf zu übergeben. Lehmanns kräftige Zeichnungen, halb Reinhard Kleist, halb Bastien Vivès, lassen viel Platz für Interpretation und Gefühl, weil sie zugleich auch nicht zugetextet sind. Noch so eine weise Entscheidung: keine endlosen Debatten, stattdessen präsentiert der Comic die Motive, die zu dieser Situation führen.
Mitreden, bevor die Musks entscheiden
Aber was ist jetzt richtig? Wo ist jetzt die Gebrauchsanweisung?
Genau das ist der Punkt: Wir müssen sie selbst entwickeln. Und wenn wir es nicht tun, kriegen wir das angeboten, was bizarre Figuren wie Elon Musk oder Peter Thiel für die beste Lösung halten. Die wird dann definitiv eines nicht sein: gut.
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- 17. Mai
Was ist das für ein Land, das die USA und Israel gerade (nicht)bombardieren? Wie lebt sich's da? Zwei Comics beleuchten die Diktatur am Golf

Es ist zum Irrewerden: Die US-Kriegsführung ist so grauenhaft doppel- und dreifachdoof, dass man immer wieder aus dem Blick verliert, was für mörderische Typen da eigentlich im Iran seit 40 Jahren mit aller Gewalt an der Macht sind. Dass da nicht Böse über Gut herfällt oder Übel gegen Mittel kämpft, sondern Arsch gegen Arsch. Und der Iran selbst? Was ist das eigentlich für ein Land? Wie lebt sich's da? Zwei Comics helfen bei der Einordnung.
Mit dem Vater auf Wurzelsuche
Der ungewöhnlichere ist „Wind in meinem Kopftuch“ von Roya Soraya. Weil Soraya einen sehr persönlichen Blickwinkel einnimmt: Sie erinnert sich an eine Iran-Reise von 2019, mit ihrem Vater. Er ist Perser, seine Familie floh nach der 79er Revolution und Tochter Roya denkt von klein auf, sie müsste da mal hin. Mit Anfang 20 ist es soweit, Papa fährt mit, weil er die Sprache kennt. Es ist sofort klar, dass dies kein Standard-Vater-Tochter-Urlaub wird.

Roya besorgt sich ein neues, leeres Handy, damit keine verräterischen Bilder oder Messages auffindbar sind – Roya ist lesbisch (aber im Iran empfiehlt sich ein leeres Handy auch für Nichtlesben). Sie muss vom Flughafen an das Kopftuch tragen. Und dann… wirkt alles einerseits erträglich. Andererseits ist überall dieser Überwachungsdruck. Im Bus sitzen die Männer käfigartig getrennt von den sackartig verhüllten Frauen. Ein Eis leckt Roya besser nur innen, es könnte ja wer die Zunge sehen. Und nicht mal zum Scherz kann man im Lift zur Fahrstuhlmusik tanzen – wer weiß, ob da Kameras sind? Und wer will schon mit den Revolutionswächtern über Witze streiten?
Geliebte Steinzeit-Heimat
Das Paradoxe ist: Roya mag den Iran. Es fühlt sich für sie tatsächlich besonders an, heimatlich. Es gibt schöne, Jahrhunderte, Jahrtausende alte Stätten, sie liebt das Essen. Sie genießt die Verbundenheit, die Nähe zu ihrem Vater, auch ohne zu ahnen, dass diese Reise die letzte mit ihm sein wird: Er stirbt kurz darauf, sie zeichnet den Comic beim Auflösen seiner Wohnung. Und so transportiert der Comic zugleich die Wehmut des Abschieds, die Erfüllung eines Traums und das bedrückende Leben im Iran. Nicht nur für Frauen.

Denn auch Royas Vater ist es extrem unangenehm, wenn er seine Tochter durch eine Heimat führen muss, die in geistiger Steinzeit festgehalten wird. Sorayas berührende Beobachtungen treffen emotional und politisch: Weil auch klar wird, dass die Trump-Kamarilla gerade diese Terrorregierung dieses Landes so richtig im Sattel festschweißt. Übrigens exakt dieselbe Kamarilla, die keinen Finger rührte, als die iranische Bevölkerung im Winter aufbegehrte.
Die deformierte Glaubensgemeinschaft

Wer wissen will, wohin eine Gesellschaft driftet, die dauerhaft so regiert wird, dem kann man Maya Neyestanis acht Jahre alten Comic „Die Spinne von Maschhad“ empfehlen.
Maschhad ist die zweitgrößte Stadt des Iran, sie ist religiös extrem bedeutend, weil man dort den Schrein des Imam Reza um alles bitten kann, was die Leute sich hierzulande von Altötting erhoffen. Zugleich liegt die Stadt aber auch nahe am Drogenexportland Afghanistan.
Für Drogen auf den Strich
Natürlich sind Drogen auch im Iran attraktiv, vielleicht sogar besonders: In einem öden Verbotsparadies geht man nicht aus, da bleibt man daheim und knallt sich weg. Und weil der Glaubensknast als wirtschaftliches Fiasko kaum gute Jobs bietet, finanzieren nicht wenige Männer im Iran ihre Drogen, indem sie die eigene Frau zum Anschaffen schicken. Was in einem Gottesstaat nicht nur doppelt verwerflich ist, sondern auch doppelt gefährlich.

Neyestani erzählt nun die Geschichte des unscheinbaren Maurers Said Hanai, der 16 dieser drogenabhängigen Prostituierten vom Straßenstrich mit nach Hause nahm und dort erwürgte. Die Begründung: das sei Gottes Wille. Nach zwölf Monaten wird Hanai erwischt und zum Tode verurteilt. Begründung: Über Gottes Willen entscheiden Mullahs, nicht Maurer. Gegen das Urteil protestierten zahlreiche Iraner, weil nach (damals zwei, heute fast fünf) Jahrzehnten der Mullah-Herrschaft dort eine Menge Männer wie Hanai weder mit Frauen sprechen noch ihnen irgendeine Form von Freiheit zugestehen.
Frauensolidarität als Mangelware
Offenbar sind aber auch viele Frauen (wie Hanais lieblos hinvermittelte Gattin) der Ansicht, als Frau verdiene man bei Ungehörigkeit den Tod. Ob sie stille Komplizin war, weiß man nicht – aber um 16 Morde im eigenen Haus zu übersehen, müsste ein Amateurkiller schon sehr professionell arbeiten.

Neyestani erfindet all das nicht, er adaptiert einen Dokumentarfilm über den Fall inklusive eines Interviews mit dem Mörder. Dabei ergänzt er das Material fantasievoll, etwa mit einem Staatsanwalt, der zuhause die Risse im Putz hinter Koran-Kalligraphien versteckt. Hier weiß man gar nicht, worüber man am meisten staunt.
Nachahmungstäter aus Amerika
Darüber, dass eine Diktatur, die einem alles nimmt, die alles kontrolliert, ausgerechnet bei Drogen versagt? Oder über die Parallelen zu den USA, die nicht nur sehr ähnliche Drogenprobleme haben, sondern gleichfalls auf dem Weg in einen faschistoiden Gottesstaat sind. Der Frauen für ein zweitklassiges Übel hält, die man leider auch einladen muss, wenn sie blöderweise Olympia gewinnen. Weil sie eigentlich in die hintere Hälfte des Busses gehören. Genau wie im Iran.
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- 7. Jan. 2024
Liegt's am Schnee oder an der Dunkelheit? Zwischen den Jahren gibt's zwei melancholische Manga-Tipps. Bei einem davon hat sogar ein Häuptling geweint!

Zwischen den Jahren arbeitet es sich etwas leichter durch den Comic-Stapel, der auch deshalb wächst, weil man Tipps aus der Vergangenheit kriegt. Das führt heute zu zwei Manga-Empfehlungen, die auf Anhieb gar nicht so viel miteinander zu tun haben, die aber doch eines verbindet: Sie investieren reichlich Zeit in den Aufbau, um dann fulminant die Ernte einzufahren. Und ja, ich habe schon Mangas beschimpft, die ewig nicht vom Fleck kommen: Aber bei diesem Duo ist die Relation von Vorbereitung zu Ernte absolut angemessen.
Blöde Jobs und Essen von Mutti
Tipp Eins stammt von Häuptling Berufener Mund, einem der großen Comic-Indianer. Mit dem sprach ich jüngst über diesen Comic. Bei dem, sagte der Häuptling, sei ihm das Herz schwer geworden, und seine Augen hätten das Wasser freigegeben wie die Blase des bedürftigen Bisons in der endlosen Prärie. Oder so. Was zuletzt beim Comic „Solanin“ geschehen sei. Wenn aber Häuptling Berufener Mund weint wie ein Waschweib, dann prüft man besser, ob einem was entgeht, wenn man nicht mitheult.

Tatsächlich ist „Solanin“ ein erstaunlicher, sehr erwachsener Manga. Was man sofort mitkriegt, weil die Story um die Twens Meiko und Naruo recht raffiniert eingeführt wird: Ein Paket, das für Meiko ankommt, gegengeschnitten mit Naruo, der nach Hause rollert. Naruo kommt an, der Paketbote geht weg, beide begegnen sich am Briefkasten – Zoom aufs Wohnungsschild mit den Namen von Meiko und Naruo. Da ist viel Film, man muss gucken und aufpassen und nicht weiterhasten, nur weil im Panel grade kein Text ist. Geduldig fächert Autor Inio Asano dann die verunsicherten Leben der beiden und ihrer Freunde auf: Öde Jobs, verschüttete Träume, eine wacklige Beziehung, nirgends richtig angekommen, noch nicht richtig erwachsen, und Mutti schickt noch immer Essen für den Kühlschrank. Und dann, gerade als Asano eine Perspektive und Zukunft eröffnet, lässt er das Schicksal brutal zuschlagen.
Teil zwei: So einfühlsam wie selten
Die gesamte zweite Hälfte der abgeschlossenen Serie widmet er daraufhin so einfühlsam dem Umgang der Gruppe mit den Folgen, dass man sich nicht mehr wundert, warum Häuptling Berufener Mund sehr gerührt ist. Auch ein bisschen traurig ist allerdings, dass vom (auf deutsch zweibändigen) Comic nur Band 1 noch auf Papier lieferbar ist. Zum Nachlesen von Teil 2 brauchen Sie entweder ein E-Book, eine gute Stadtbibliothek, oder aber Sie wechseln je nach Sprachkenntnissen zur englischen/italienischen/französischen Ausgabe. Da wird nämlich munter nachgedruckt. Zu Recht.
Die Angst der Spieler vor dem Match

Tipp Zwei ist der inzwischen erschienene letzte Band der ausgezeichneten Serie „Ping Pong“, auf die ich (ahem) bereits hier hingewiesen habe. Dieser dritte Teil zeigt auf eine etwas andere Art, wie sich geduldiger Aufbau auszahlen kann. Denn wer gleich mit diesem Band anfängt, kann eigentlich gar nicht mal so viel Freude am munteren, extrem schnell und einfallsreich geschnittenen Geschmetter haben. Wer hingegen das Heranwachsen der jungen Spieler Peco und Smile verfolgt hat, ihre Niederlagen, ihre Kämpfe mit sich und dem Halb-Erwachsenwerden, die aufrichtigen Bemühungen ihrer geduldigen Trainer, der wird vor jedem der Duelle Angst haben. Weil man von Spiel zu Spiel weniger möchte, dass einer der Protagonisten verliert. Zumal ein Großteil der Geschichten auch den Druck und die Ängste der Jungs einschließt: Ich kenne kaum einen anderen Comic, bei dem sich die Protagonisten 8-Mile-artig vor Nervosität kotzend auf der Toilette einschließen.
